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Jens Anders in der „Alten Schmiede“ zwischen Kuchen und Vorstandsnachwuchs

Jens Anders in der „Alten Schmiede“ zwischen Kuchen und Vorstandsnachwuchs

Jul 26
Wer durch Rostock-Toitenwinkel spaziert, stolpert im Hölderlinweg unweigerlich über die Alte Schmiede. Sie ist kein Relikt aus vergangenen Industriezeiten, sondern das pochende, soziokulturelle Herz des Stadtteils. Ein Ort, an dem ein ganzes Viertel zusammenkommt. Doch hinter den Kulissen warten Herausforderungen, die beispielhaft für das gesamte deutsche Ehrenamt stehen: Die Macher*innen werden älter und die Kassen schmaler.

Die Alte Schmiede Toitenwinkel e.V. ist kein klassischer Verein, der bloß einmal im Monat zur Sitzung lädt. Sie ist Eigentümerin eines stattlichen Gebäudes, das sich über die Jahre zu einem echten „bunten Haus“ entwickelt hat. Hier herrscht kreatives Gewusel: Das Stadtteilbüro der RGS mietet sich hier ein, der Jugendtreff von SOBI füllt die Räume mit Leben, der Toitenwinkler Sportverein (TSV) geht ein und aus, und auch die Kinder des Carneval Club Warnow (CCW) trainieren hier ihre Choreografien.
Seit der Verein im Jahr 2023 das Mammutprojekt des Stadtteilbüros aus Kräftegründen in hauptamtliche Hände übergeben hat, gilt die volle Energie dem, was die Menschen vor Ort wirklich berührt: Kultur direkt vor der Haustür. Dazu gehören etablierte Institutionen wie das Bürgerkino, das seit stolzen 15 Jahren einmal im Monat läuft, oder das beliebte Sonntagscafé. Ein echter Publikumsmagnet ist auch das traditionelle „Herbstleuchten“ am letzten Freitag im September. Der Teich am Friedensforum ist dann durch Kerzen auf Faltbooten erleuchtet und es strömen bis zu 2.000 Menschen herbei. 
Kultur als sozialer Anker: „Gerade für ältere Menschen oder Familien, bei denen das Geld etwas schmaler sitzt, ist der Weg in die Innenstadt ins Theater oder Kino oft zu weit oder schlicht zu teuer“, erzählt Jens Anders (71), der aktuelle Vereinsvorsitzende und langjährige Stadtteilmanager, der als treibende Kraft im Hintergrund fungiert. „Wir bringen die Angebote zu den Menschen.“

Wenn die „Schmiedeengel“ anpacken
Dass diese Termine so reibungslos funktionieren, verdankt der Stadtteil den sogenannten „Schmiedeengeln“. Das ist ein eingespieltes Team von etwa zwölf Ehrenamtler*innen – ein schönes Beispiel für gelebte Nachbarschaft. Doch beim Blick in die Zukunft zeigt sich auch die Kehrseite der Medaille, wie Jens Anders berichtet: „Kuchen backen? ‚Auf jeden Fall!‘ Beim Aufbauen anpacken? ‚Klar, wir stehen parat!‘ Den Vorstandsposten übernehmen oder die Finanzen verwalten? Da wird es dann meistens still.“ Es fehlen jüngere Menschen, die bereit sind, langfristig die rechtliche und bürokratische Verantwortung zu tragen. „Ich werde nächstes Jahr 72“, sagt Anders. „Das alles macht riesigen Spaß, aber man baut im Alter natürlich auch etwas ab.“ Da dem Verein das Haus und das Grundstück gehören, ist das Thema wichtig: Findet sich langfristig kein neuer Vorstand, fällt die Schmiede laut Vereinsrecht an das Land – und Toitenwinkel würde seinen kulturellen Treffpunkt verlieren.

Rahmenbedingungen im Wandel
Neben den personellen Fragen spielen auch die kommunalen Rahmenbedingungen eine Rolle. Die Förderstrukturen verändern sich. Die Städtebauförderung für Toitenwinkel läuft aus, weshalb das Stadtteilbüro ab 2027 unter anderen finanziellen Vorzeichen arbeiten muss. Auch der Verfügungsfonds, der jährlich 20.000 Euro für kleinere Projekte im Viertel bereitstellte, fällt voraussichtlich weg. Der Verein hofft daher sehr, dass zumindest die Unterstützung über die Mittel der Ortsbeiräte und durch das Kulturamt stabil bleibt, damit die Kulturarbeit vor Ort eine sichere Basis behält.
Wie viel Herzblut in der Schmiede steckt, zeigt auch der „Toitenwinkler Augenzeuge“, der pünktlich in diesem Juli seine 150. Ausgabe feiert. Seit über zehn Jahren produziert ein kleines Team rund um Frank Schubert (Hansefilmstudio) dieses lokale Magazin im Stil der alten Kino-Wochenschauen – ein echtes Stück Identität, das sogar schon mit dem Bundes-Medienkompetenzpreis ausgezeichnet wurde. Weil das Stadtteilbüro ausläuft, überlegt die Alte Schmiede, das Projekt wieder komplett in die eigene Trägerschaft zu nehmen. Doch der Aufwand für Dreh, Schnitt und Ton ist enorm und lastet derzeit auf viel zu wenigen Schultern. Der Verein hat bereits versucht, Kooperationen oder jüngere Filmemacher einzubinden, doch eine dauerhafte Nachfolge hat sich bisher noch nicht ergeben.

Offene Türen in der Alten Schmiede
Die Geschichte der Alten Schmiede beweist, was eine engagierte Bürgergemeinschaft auf die Beine stellen kann. Schon im Jahr 1990 traf der Wahlslogan der damaligen Toitenwinkler Bürgerinitiative den Nagel unprätentiös auf den Kopf: „Politiker schweben über den Wolken, wir latschen durch die gleichen Pfützen wie sie.“ Damit das auch in Zukunft so bleibt, freut sich der Verein über neue Gesichter und frische Impulse. Gesucht werden engagierte Rostocker*innen, die Lust haben, mittelfristig in die Fußstapfen des Vorstands zu treten, junge Kreative für den „Augenzeugen“ oder auch andere Vereine, die sich eine Kooperation vorstellen können, um das Haus vielleicht perspektivisch mit einer hauptamtlichen Struktur zu unterstützen.
Wer die Arbeit der Schmiede kennenlernen möchte, verbindet das am besten mit einem Kulturausflug: Am 2. August (um eine Woche verschoben) lädt das Sonntagscafé unter dem Motto „Locker vom Hocker“ zu einem Konzert mit dem bekannten Musiker Thomas Putensen („Pute“) und dem Rostocker Geiger Thomas Braun ein. Ende August wartet dann Angela Klee mit bestem Woodstock-Feeling auf die Besucher*innen. Vorbeischauen lohnt sich – für gute Musik und ein starkes Viertel.

Antje Benda

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