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WoLena – Wenn aus vier Wänden wieder ein Zuhause wird
Apr 26
Manchmal braucht es im Leben mehr als nur einen guten Rat. Manchmal braucht es jemanden, der mit anpackt, den Transporter fährt und zur Not auch mal die Waschmaschine in den vierten Stock wuchtet. Genau hier kommen Martina Schwarz und Henriette „Jette“ Kesselring ins Spiel. Die beiden sind das Gesicht von WoLena – einem Projekt, das in Mecklenburg-Vorpommern bisher ziemlich einzigartig ist. Und weil wir hier im Norden ja gerne Butter bei die Fische geben: Der Name ist Programm. WoLena steht kurz und knapp für „Wohnen und Leben nach der Gewalt“.
Wer aus einer Gewaltbeziehung flieht, landet oft erst mal im Frauenhaus. Das ist sicher, das ist gut, aber es ist eben keine Dauerlösung. „Wir beraten und begleiten vorrangig Frauen, die von Gewalt betroffen sind und eine neue Wohnung suchen“, erklärt Jette. Das klingt erst mal nach klassischer Sozialarbeit, ist aber in der Realität ein echter Knochenjob. Denn wer monatelang oder gar jahrelang in Angst gelebt hat, für den ist ein Mietvertrag oft ein Buch mit sieben Siegeln.
WoLena setzt genau da an, wo das Frauenhaus oder die Beratungsstellen oft an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen: bei der ganz praktischen Wohnungssuche und der Umzugshilfe. Es geht darum, den Übergang in ein selbstbestimmtes Leben nicht an der Bürokratie oder fehlenden Muckis scheitern zu lassen. Martina bringt es auf den Punkt: „Wichtig ist, dass die Frauen eine eigene Wohnung und somit einen Schutzraum für sich und ihre Kinder haben. Das ist der Beginn, um die Gewalt zu beenden oder zu durchbrechen.“
Die Krux mit dem Rostocker Wohnungsmarkt
Wir wissen alle: In Rostock eine bezahlbare Bude zu finden, ist aktuell so wahrscheinlich wie ein Sonnenbrand im Dezember. Für Frauen, die von WoLena unterstützt werden, ist die Hürde noch mal doppelt so hoch. Oft spielen da verschiedene Diskriminierungen mit rein: kein eigenes Einkommen, Migrationshintergrund, viele Kinder oder Schulden.
Die beiden Sozialpädagoginnen lassen sich davon aber nicht unterkriegen. Sie netzwerken, was das Zeug hält. Sie klopfen bei den großen Wohnungsgesellschaften an und suchen das Gespräch mit privaten Vermieter*innen. „Wir bieten uns als feste Ansprechpartnerinnen an, rund um Fragen zum Mietverhältnis“, sagt Martina. Das ist ein riesiger Vorteil für die Vermieterseite: Wenn es hakt, ist jemand da, der sich kümmert. Und eins ist den beiden ganz wichtig klarzustellen: WoLena ist kein „Spezialprojekt“ für Menschen, die nicht mietfähig sind. Es geht um ganz reguläre Mietverhältnisse. Jette stellt klar: „Es geht nicht darum, irgendwem ein Obdach zu gewähren aus reiner Humanität, sondern natürlich sollen Vermieterinnen ihre normalen Mieter bekommen.“
Echte Geschichten aus dem 5. Stock
Wenn man Martina und Jette zuhört, merkt man schnell: Die brennen für das, was sie tun. Jette bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als „Frau fürs Grobe“. Sie schleppt gerne Dinge von A nach B, weil sie am Ende sehen will, wie aus einer leeren Hülle ein echtes Zuhause wird.
Da ist zum Beispiel die Geschichte einer jungen Frau aus Syrien, mit der Jette Ikea-Pakete in den fünften Stock ohne Fahrstuhl geschleppt hat. Völlig fertig oben angekommen, meinte die Frau nur: „Gott, das ist so anstrengend, eine Frau in Deutschland zu sein!“ Aber dann kam der Moment, in dem sie realisierte: Das hier ist jetzt alles meins. Ich kann die Möbel hinstellen, wie ich will. Niemand schreibt mir mehr was vor.
Oder die älteren Frauen, teils zwischen 70 und 80 Jahren, die nach Jahrzehnten der Gewalt doch noch mal den Mut fassen, die Taschen zu packen. Für sie ist WoLena oft der letzte Rettungsanker, wenn die Angst vor dem „Wie soll ich das alles allein schaffen?“ übermächtig wird.
Das Projekt WoLena wird von der Aktion Mensch für erst mal fünf Jahre gefördert. In anderen Bundesländern gibt es solche Stellen schon länger, wir in MV hinken da leider noch ein bisschen hinterher. Das Ziel ist klar: WoLena soll bleiben und sich verstetigen. Denn der Bedarf ist riesig. In nur einem halben Jahr haben die beiden bereits zehn Frauen intensiv begleitet und fünf davon erfolgreich in eine eigene Wohnung vermittelt. Das klingt erst mal nach einer kleinen Zahl, aber wer den Rostocker Wohnungsmarkt kennt, weiß: Das ist fast schon ein kleines Wunder.
Wie kann man helfen?
(Spoiler: Es werden Profis gesucht!)
Falls jetzt jemand denkt: „Mensch, da will ich auch was tun!“, dann spitzt die Ohren. Martina und Jette brauchen nicht nur Wohnraum, sondern auch ganz praktische Hilfe.
· Wohnraum: Private Vermieter*innen, die keine Angst vor Vorurteilen haben, sind Gold wert.
· Handwerkliche Hilfe: Wer weiß, wie man eine Küche aufbaut, ohne dass danach das Wasser aus der Steckdose kommt, ist herzlich willkommen. „Wir bräuchten freiwillige Handwerker*innen, die auch ein bisschen Expertenwissen zu Küchen haben“, wünscht sich Martina.
· Lagerraum: Da viele Möbel gespendet werden, die Frauen aber oft noch nicht sofort einziehen können, wird händeringend nach einer Garage oder einem Lagerraum in Rostock gesucht.
· Spenden: Küchen oder gut erhaltene Möbel werden immer gebraucht.
Ein starkes Netzwerk unterm Dach von „Stark machen“
WoLena steht nicht allein auf weiter Flur. Das Projekt ist angedockt an den Verein Stark machen e.V., zu dem auch das Frauenhaus, die Interventionsstelle und die Beratungsstelle Bela gehören. Wer also in Not ist oder jemanden kennt, kann sich jederzeit dort melden. Die Hilfe ist da, man muss nur den ersten Schritt wagen.
Am Ende des Tages geht es bei WoLena um mehr als nur um Quadratmeter und Kaltmiete. Es geht um Würde, um Sicherheit und um den Mut, noch mal ganz neu anzufangen. Oder wie Martina sagt: „Jede Frau kann in diese Notlage kommen. Ein Zuhause zu haben, ist die Basis, um sich wieder auf das Leben konzentrieren zu können.“
Kontakt & Info:
wolena@stark-machen.de // stark-machen.de
Notruf (Frauenhaus, 24h): 0381 / 45 44 06
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