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Bühne

ROGER G. – Der wirklich lustige Vadder der Nation

ROGER G. – Der wirklich lustige Vadder der Nation

Jul 26
Im Moment läuft es gut bei ihm – Roger G reitet auf der Welle des sozial-medialen Erfolgs und bestreitet seine Comedy Shows mittlerweile vor einer vierstelligen Gästezahl. Ein Rostocker, den fast jeder kennt – auch über die Stadtgrenzen hinaus. Davon gibt’s nicht allzu viele.

Vom Digital-Format auf die Bühne, über Fallhöhen und Vaterschaft – wir wollten die Chance nutzen mit Roger zu sprechen, bevor er zu berühmt und untouchable ist. Als wir uns treffen, ist Roger leicht echauffiert: Ein Konkurrenz-Medium hat eines seiner Reels auf dessen Website genutzt, um daraus eine völlig überzogene Fehde zwischen ihm und einem lokalen Unternehmer zu spinnen. Und natürlich war auch Werbung vor das Video geschaltet. Scheinbar passiert sowas, wenn man bekannter wird – die mediale Verwurstungsmaschinerie verschluckt dich, auch wenn es dir nicht gefällt…

0381-Magazin: Hast du häufig Beef dieser Art?
ROGER: Geht, ist überschaubar und deswegen ärgert mich das wahrscheinlich auch, denn seit ich Social Media mache, habe ich immer darauf geachtet, niemals irgendwen persönlich anzugreifen. Also, du kannst natürlich gegen allgemeine Missstände schießen, aber ich würde nie auf die Idee kommen, mir eine Person oder jemand wirklich benennbaren rauszusuchen, und zu sagen: Du bist n Wichser! Das mach ich nicht, und das fühle ich nicht!

0381-Magazin: Wobei die Welt ja voll von Wichsern ist!
ROGER: Ja natürlich, aber Wichser sind ja meistens auch nur ein Symptom für irgendein System und deswegen würde ich sagen, dass ich eher eine Etage höher schießen würde.
 
Interlude: Roger G macht seine finale Whats-App Nachricht an wen auch immer fertig, um das Beef-Thema zu klären, um dann Interview „in aller Ruhe“ durchzuziehen. 

0381-Magazin: Du sagst „in aller Ruhe“ und das hört sich so an, als wenn eine innere Ruhe bei dir wahrscheinlich nie vorhanden ist?
ROGER: Ne, ich war schon immer unruhig. 

„Es fühlt sich im Moment halt auch so an, als wenn du immer liefern musst“

0381-Magazin: Mit der nun nochmal gesteigerten Unruhe in deinem Leben, bedingt durch den Erfolg - bist du schon mal irgendwann an den Punkt gekommen, wo du gemerkt hast, jetzt komme ich an meine Grenzen? 
ROGER: Es gab in den letzten Jahren schon Situationen, wo ich gedacht habe – jetzt bin ich aber ein bisschen durchgenudelt. Es sind ja immer wieder neue Meilensteine dazu gekommen, die immer wieder mit neuen Herausforderungen verbunden waren. Es ging los mit der Entscheidung als Content Creator auf die Bühne zu gehen – erste Riesenherausforderung! 80 Prozent der Leute sagen da: Weiß ich nicht – ob das eine gute Idee ist, Bühne ist länger als eine Minute in einem Reel. Aber dann eben auch zu sagen: Egal, probiere ich trotzdem. Dann denken einige vielleicht: Der startet das mit 300.000 Followern, ist ja wie eine Abkürzung. Dabei bedeutet das auch: Ich habe eine ganz andere Fallhöhe, als jemand der einfach aus dem Nichts startet – der hat nix zu verlieren. Bei mir war direkt die Erwartungshaltung eine andere gewesen. Und dann gings los – zuerst in kleinen Clubs mit 100 Leuten, dann irgendwann 500 Leute, dann plötzlich 1000. Dann kommt das Fernsehen mit richtigen Comedy Shows. Wow! Und wenn du da versagst, dann sehen das Millionen Leute. Dann war ich jüngst der Opener für Chris Tall – vor 4500 Leuten. Im Herbst dann vielleicht die ersten Arenen und so geht es immer weiter. Aber vor zwei Wochen habe ich es dann mal gemerkt: Viel unterwegs gewesen, viele Termine, viel im Bus unterwegs gewesen. Abends dann im Hotel habe ich noch gedacht – ich probiere bei einem Open Mic neues Material. Und dann habe ich plötzlich gemerkt – irgendwie bin ich platt. Dann habe ich mir n Burger geholt und zu mir gesagt: Ich will nach Hause. Dann bin ich auch direkt los und hab erstmal ein paar Tage nur Family gemacht. Ich glaub ich hab meine Kinder noch nie so lange gedrückt und mich gefreut die zu sehen. Es fühlt sich im Moment halt auch so an, als wenn du immer liefern musst und das Feuer immer am Brennen halten musst.

0381-Magazin: Mit Blick auf deine bisherige Entwicklung: Bei Skispringern ist es ja so, dass die im Moment des Absprungs wissen, wo sie ungefähr landen werden. Wie ist es bei dir, weißt du schon, wo du landen willst? Also ist das noch was, was du steuerst, oder ist das im Moment etwas, wo du nur die Welle reitest.
ROGER: (langes überlegendes „tjaaaaa“) Hättest du mir diese Frage vor zwei Jahren gestellt, hätte ich ja nicht mal ansatzweise erwartet, dass das passiert, was im Moment passiert. Daher kann ich das auch nicht mehr wirklich prophezeien, wo die Reise hingeht. Also es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass in mir offensichtlich nicht jemand ist, der hungrig ist nach mehr. Sonst würde ich das auch nicht alles machen. Ist auch Quatsch zu sagen, wenn Influencer oder Creator immer so tun, als würden die es nur für die Botschaft, die Message, oder die Community machen. Viele haben auch gutes Thema im Hintergrund, keine Frage – aber am Ende steht über allem so viel Selbstverliebtheit, dass man sich eben einen Instagram-Account angelegt hat. Und ich finde das affig so zu tun, als wäre das nicht so. Wir saßen alle mal vor diesem Handy und haben gedacht: Ich mach jetzt n Insta-Kanal, weil: Ich bin so geil, dass muss die Welt gesehen haben. Und allein die Vorstellung irgendwann nochmal größer stattzufinden – zum Beispiel im Fernsehen, das hat ja für einen 40-jährigen Mann nochmal eine ganz andere Bedeutung. So nervig das auch manchmal ist, unangenehm angesprochen zu werden, zum Beispiel von betrunkenen Leuten auf der Straße, es ist und bleibt einfach hammer geil in der Summe. Ich liebe das sehr im Moment, diesen „Fame“. (lacht)

0381-Magazin: Würdest du „Wetten dass“ machen?
ROGER: (ehrfürchtiges Lachen) Könnte ich mir vorstellen tatsächlich!

0381-Magazin: Was bringt dich zum Lachen?
ROGER: Jegliche Form von Katzenvideos, gute Comedy und die Simpsons.

„Das ist auch das Einzige, wo mein Kopf auch wirklich ruhig ist“

0381-Magazin: Du bist auch auf einem anderen Level ein Artist, nämlich auch grafisch bzw. visuell. Ist die Comedy vielleicht nur die Verpackung für deine eigentlich Kunst?
ROGER: Das kann man nicht so beantworten. Wenn ich mein Leben Revue passieren lasse, habe ich schon immer gezeichnet. Meine Grundschulhefte sind bereits vollgekritzelt, auch mit Kommentaren von den Lehrern, dass ich aufhören soll die Buchstaben zu Männchen zu machen. Und das hat auch nie aufgehört. Und – das klingt jetzt wie ein Flex aber – ich kann objektiv gesehen ja auch einfach gut zeichnen. Gleichzeitig hat mich mein Leben lang – Schule, Arbeit – immer der Satz begleitet: „Was machst du hier eigentlich – du gehörst doch auf eine Bühne – schön, dass du hier bist, aber eigentlich bist du hier doch falsch“. Von daher ist es vielleicht auch beides, was da so um mich herum rotiert. Ich genieße es in meiner kleinen Butze vier Stunden am Block vor mich hinzuzeichnen und Podcasts zu hören. Das ist auch das Einzige – neben dem Auf-der-Bühne-stehen – wo mein Kopf auch wirklich ruhig ist. 

„Natürlich ist es toll, Selbstverwirklichung als Arbeit zu betreiben“

0381-Magazin: Es gibt eine Oper mit dem Namen „König Roger“, da wird ein König von einem als Hirten getarnten Gott der Freiheit und Liebe verführt und wirft sein altes Leben, seine alten Moral- und Glaubensvorstellungen über Bord. Wer war der Hirte in deinem Leben?
ROGER: Erstmal muss ich sagen, dass ich das nicht so empfinde, dass ich rausgeholt wurde aus meiner Knechterei. Natürlich ist es toll, Selbstverwirklichung als Arbeit zu betreiben, denn wenn die Arbeit Selbstverwirklichung ist, arbeitet man eigentlich gar nicht mehr. Wenn das nicht passiert wäre, so vor zwei bis drei Jahren, wäre ich trotzdem kein unglücklicher Mensch gewesen. Ich hätte das auch weiter machen können, wäre zu meinen Omas in der Tagespflege gegangen, die haben mich geliebt, ich habe die geliebt. Das hat sich nie falsch angefühlt. Klar, dieser Arbeits-Rhythmus hat genervt, aber zu meiner damaligen Chefin habe ich immer gesagt: Im Rahmen der fürchterlichen Tatsache, dass ich arbeiten gehen muss, ist das hier schon das Beste, was mir passieren kann. Aber zur Frage: Am Ende war es vielleicht eine Mischung. Zum einen war es Glück. Denn ich habe viele Menschen getroffen, die großartig und talentiert sind und dann geht da die Tür einfach nicht auf. Und vielleicht auch die Kontinuität. Also wenn die Leute ankommen und sagen: Du bist ja plötzlich so steil gegangen, sag ich immer: Moment! Mit Insta angefangen habe ich 2018, steil gegangen bin ich dann 2022 und nach meiner Rechnung sind da vier Jahre zwischen. Und Freunde kamen schon mitleidig an in der Zeit: Machst du das immer noch mit Insta? Also ganz so ad hoc war das dann auch nicht.

0381-Magazin: Du zeichnest rhetorisch tolle Bilder von Menschen, oder bestimmten Verhaltensweisen. Würdest du sagen, dass ist eine deiner wesentlichen Kompetenzen: Der soziale Blick auf die Menschen? Und ist das gleichzeitig auch die Basis für deinen Erfolg?
ROGER: Wenn man Stärken benennen müsste, wie im Bewerbungsgespräch, dann bin ich wirklich ein sozialkompetenter Mensch. Ich habe ein gutes Gespür für mein Gegenüber und eine tiefe innere Motivation, dass sich Menschen mit mir zusammen wohl fühlen.

0381-Magazin: Du willst gemocht werden?
ROGER: Ich will geliebt werden! Und das ist gleichzeitig auch meine größte Schwäche. Es ist auch schwer für mich damit umzugehen, denn je größer du wirst, umso mehr Kritik kommt, umso mehr fangen andere an dich zu verachten oder sowas. Ich bin auch superschlecht darin zu sagen – wenn Menschen einfach unfreundlich sind – ach dann fick dich doch. Es gab da jüngst ein Schlüsselerlebnis für mich: Als wir die erste Show mit Chris gemacht haben, kamen wir an einem Parkplatz an und dann war da so ein Security Typ. Super unfreundlich und arrogant. Und dann kam von ihm direkt: „Ihr könnt hier nicht parken“. Ich dann „Ne Mann, ich bin hier Opener, ich gehör zum Team, unser Nummernschild muss angemeldet sein“. Er dann wieder nur „Du kannst hier nicht parken, ich weiß von nix“. Und die richtige Reaktion müsste sein: Was ist denn dein Problem, ruf mal deinen Chef an Junge, was bist du denn so unfreundlich? Aber ich war dann wieder nur so samthandschuhmäßig unterwegs und meinte, okay, ich kläre das. Hab dann Chris angerufen, Chris kam, ist zu dem Security hin gegangen, hat gesagt: Sag mal, Roger hat mir gerade erzählt, wie du dich hier verhältst. Was soll denn das? Wieso bist du denn so unfreundlich, das ist doch dein Job, den du dir ausgesucht hast, dann mach das doch wenigstens mit Liebe und hör auf Leute so schlecht zu behandeln. Und ich steh da so und versinke im Boden während der Security zu mir rüber schaut und vermutlich denkt – „du kleiner Knecht!“. Das war aber ein perfekter Moment dafür, was ich noch lernen muss. Man muss sich auch mal gerade machen und abgrenzen können.

„Man muss sich aber auch einfach davon lösen, zu glauben, dass alles in der Social Media Welt immer echt ist.“

0381-Magazin: Du bist Vater und verwurstest ja hin und wieder auch die Interaktionen mit deinen Kids – ist das noch Erziehung oder ist das schon ausschließlich Comedy, was da zwischen euch läuft?
ROGER: Es ist auch schon deutlich weniger geworden mit den Kindern. Grundsätzlich ist das aber alles immer Show. Wir sind zwar, wie wir sind; die Charaktere sind schon echt, aber das Setting ist Show. Viele Menschen denken ja, dass der Dialog genauso stattfindet. Wir skripten das jetzt nicht, wir haben keine Texte aber am Ende sind die Kids mein Mittel, um Comedy zu machen, auch wenn das blöd klingt. Ich habe im Kopf eine Idee, wo ich hin will und die Kinder sind mein Instrument. Aber das geht natürlich nur, wenn die da auch Bock drauf haben. Man muss sich aber auch einfach davon lösen, zu glauben, dass alles in der Social Media Welt immer echt ist. Bei uns knallt es auch mal, ich bin auch mal ein nerviger Dad, der meckert und eine kurze Lunte hat.

0381-Magazin: Kannst du streng sein?
ROGER: Ich hab manchmal sogar eine zu kurze Zündschnur. Jetzt sind die Kids auch schon älter, dann ist vieles einfacher. Aber früher beim Einschlafen hatte ich auch schon mal einen strengen Ton angeschlagen, ja. Da bin ich vielleicht auch nicht immer das Musterbeispiel für den besten Dad gewesen. Aber natürlich können die Kids immer zu mir kommen, egal was sie machen. Egal ob sie morgen Sabine heißen wollen, oder sonst was.

„Wenn du dich groß machst und ausdehnst, und Raum einnimmst, dann heißt es auch immer, dass irgendwer in diesem Raum dir Platz machen muss und zurückweichen muss.“

0381-Magazin: Hattest du einen Mentor, der dich ein Stück weit dahin gebracht hat, wo du jetzt bist? Du hattest vorhin das Glück angesprochen: War da mal jemand, wo du sagen würdest: Diese Wegkreuzung war wirklich sehr hilfreich?
ROGER: Das kann man vermutlich nicht an einer Person festmachen. Da gibt es mehrere Leute, die da ihre Rolle in meinem Leben gespielt haben. Zuallererst – auch wenn es klischeehaft klingt: Nummer 1 - meine Muddi. Ich bin mit ihr allein groß geworden – sie war mein männlicher und weiblicher Bezugspunkt. Und das gibt ja schon so viel Weg vor. Bei ihr hatte ich immer das Gefühl, dass ich sein konnte, wie ich bin. Es ging nie um Stärke, oder Schwäche. Egal, was ich da in meinem Kopf ausgeheckt habe, Muddi meinte: Probiere das mal aus. So konnte ich lernen mich frei zu entfalten und ein bisschen zu dem werden, der ich heute bin. Ich will gar nicht wissen, wie viele Menschen aufgrund von solchen Bedingungen gar nicht wissen, welche Potenziale da noch schlummern, weil sie die nicht ausleben können, weil das von strengeren Elternhäusern suggeriert wurde: Dieser Weg ist nix für dich. Und auch Maria (Rogers Partnerin), die mich immer begleitet hat und super supportive war. Das ist auch alles nur möglich, wenn es jemanden gibt, der dir den Rücken freihält. Also: Wenn du dich groß machst und ausdehnst, und Raum einnimmst, dann heißt es auch immer, dass irgendwer in diesem Raum dir Platz machen muss und zurückweichen muss. Und arbeitsspezifisch, so auf Content Creator Level würde ich sagen, Kim Zeidler aus Warnemünde, war jemand, der mir irgendwie auch ein bisschen die Tür geöffnet hat in diese Social Media Welt.

0381-Magazin: Ist die Kette eher Memoriale oder dein androgynes Statement für deine weltoffene Einstellung?
ROGER: Die war ursprünglich einfach nur eine Kette. Die ist von meiner Oma – und ich habe die dann irgendwann mal bei Muddi entdeckt und sie hat sie mir dann mal vermacht und seitdem trage ich die. Ich habe da nie weiter drüber nachgedacht, fand die einfach nur hübsch. Die Social Media Welt und Öffentlichkeit sieht das offensichtlich ein bisschen anders. Kein Tag vergeht, an dem die Kette nicht von irgendwelchen Typen oder Karens kommentiert wird. Immer wieder. Und dann habe ich sie noch bewusster getragen. Jetzt wo ich merke – das macht was mit euch. Wie fragil muss man sein? Deswegen kam dann auch dieser Perlohrring noch dazu. (lacht)

PAUL FLEISCHER

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