RONNY GERNHART
Mit Rnony zu Donni und Johnny 2
Jul 26
Ronny Gernhard – einst Kicker bei der Kogge, heute Spielerberater. Dazu seine beiden Künstlersöhne sowie zwei alte Weggefährten aus gemeinsamen Fußballtagen: Niels Schlotterbeck und Thomas Gansauge. Vier Männer, fünf Geschichten pro Tag und ein Mietwagen, der vermutlich längst mehr über deutschen Amateurfußball weiß als jede Vereinschronik.
Sie sind noch immer auf dem Roadtrip ihres Lebens. Einmal quer durch Amerika, immer dem nächsten Stadion entgegen, immer mit dem großen Traum im Gepäck: dem WM-Titel für die deutsche Nationalmannschaft. Zwischen Highways und Hotelzimmern, Burgerbuden und Brauereien, Ticketstress und Tankstopps wird jeder Tag zum nächsten Kapitel einer Reise, die sich irgendwo zwischen Fußballmärchen, Männerurlaub und Selbstversuch bewegt.
Denn Weltmeister wird am Ende nur eine Mannschaft. Gute Geschichten nehmen dagegen alle mit nach Hause.
Sechzehntel-Finale
Nach dem geglückten Einzug ins Sechzehntelfinale brachen in unserer Reisegruppe endgültig alle Dämme. Die Nervosität der Vorrunde war verflogen, die Euphorie hatte übernommen. Irgendjemand machte Musik an, irgendjemand anderes organisierte Bier, und ich holte meinen geheimen Trumpf aus dem Koffer. Ein paar Dosen Scomber Mix. Direkt aus Deutschland eingeschmuggelt. Legendär, sage ich euch.
Große Freude in der Runde. Nach Tagen voller labbriger Hot Dogs für 15 Dollar war so eine Dose Fisch plötzlich Gourmetküche aus der Heimat. Selbst im Stadion von Erzgebirge Aue bekommt man schließlich ein ordentliches Fischbrötchen. Vielleicht, denke ich für einen kurzen Moment, ist das meine Zukunft. Fischbrötchen-Foodtruck in den USA. Good bye Deutschland. Hallo America. Der amerikanische Traum auf Fischbrötchenweltmeister.
Ich schweife ab …
Obwohl sich der kleine Schlotterbeck im Turnierverlauf gefangen hatte und mittlerweile fest zur Startelf gehörte, überraschte unser Karohemd Julian mit einer Umstellung – verletzungsbedingt. Tony Rüdiger rückte zurück in die Mannschaft gegen das Spiel gegen Paraguay. Die Farben der Landesflagge gefallen uns sehr gut. Onkel Niels Schlotterbeck war über die Verletzung seines Neffen (un)verständlicherweise völlig außer sich. Nun sollte also Tony die Kohlen aus dem Feuer holen. Die Mannschaften stellen sich für die Nationalhymnen auf. Im Stadion wird es plötzlich still. Leichte Gänsehaut. Die letzten Töne verklingen. Handshake mit dem Schiedsrichterteam. Die Spieler klatschen sich gegenseitig ab. Und dann passiert etwas, das selbst Drehbuchautoren nicht besser hinbekommen hätten. Rüdiger verwechselt offenbar den Handschlag mit einem Kampfsportseminar. Statt eines freundlichen Begrüßungsklatschers verpasst er seinem Gegenspieler eine Backpfeife. Gleichzeitig dreht er ihm mit der linken Hand die Brustwarze um. Alles innerhalb einer Sekunde. Im Stadion herrscht kollektives Staunen. Die Spieler starren sich an. Die Schiedsrichter ebenfalls. Auf den riesigen Videowänden läuft die Szene in Endlosschleife. Der VAR meldet sich. Der Schiedsrichter schaut sich die Bilder an und hat keine Wahl. Rote Karte. Nach nicht einmal einer Minute. Rüdiger ist fassungslos. Wir auch.
In solchen Momenten denke ich gern an den Mai 1992 zurück. Unser letztes Spiel in der Bundesliga. wir abgestiegen – die Eintracht kein Meister. Bin ich froh, dass wir damals gegen Frankfurt keinen VAR hatten. Das Ding gegen Ralf Weber wäre heute als glasklarer Elfmeter gepfiffen worden. Wahrscheinlich wären die Hessen Meister geworden. Vor ein paar Jahren hat unser Zeugwart Andi Thiem die damals gedruckten, von der Mannschaft in der Kabine nach dem Spiel vergessenen, Eintracht-Meistershirts bei Ebay verkauft und sich von dem Geld, so erzählt man sich zumindest, eine schöne AIDA-Reise gegönnt.
Aber zurück ins Hier und Jetzt. Rüdiger gestikuliert wild. Manu Neuer läuft sofort auf ihn zu, legt den Arm um ihn und versucht ihn Richtung Bank zu begleiten. Das gelingt nur bedingt. Tony schnappt sich eine herumliegende große Rolle Pflasterband und holt aus, als wolle er sie in Richtung Schiedsrichter schleudern. Doch dann greift Ossi Beier beherzt ein. „Mensch Tony“, ruft er und entreißt ihm die Rolle, „die kann man doch noch gebrauchen!“ In diesem Moment dürfte bei allen Beteiligten der Puls jenseits der 180 gelegen haben. Deutschland mit zehn Mann. Im Sechzehntelfinale. Bei brütender Hitze. Das konnte ja heiter werden.
Nagelsmann reagiert sofort und bringt nun unseren usbekischen Import Waldemar ins Spiel. Ich frage mich bis heute, ob dabei vielleicht eine gewisse schwarze Stoffpuppe ihre Finger im Spiel hatte. Onkel Niels trägt sie seit einigen Tagen in einem Jutebeutel mit sich herum. Aus der dem Beutel ragt eine Stoffpuppe. Die schwarze Puppe trägt ein Real-Madrid-Trikot, hat bunte Stecknadeln im Kopf und trägt seit dem Vorrundenspiel gegen Curaçao ein Pflaster am linken Bein. Angeblich ein Souvenir. „Ganz normal“, sagt Niels immer und lächelt. Natürlich. Deutschland kämpft sich mit zehn Mann durch die sengende Hitze. Jeder Sprint sieht nach letzter Kraft aus. Die Verlängerung rückt näher. Die Uhr läuft. Und dann passiert Fußball. Kurz vor Schluss spielt Florian Wirtz einen Doppelpass, den man eigentlich nicht trainieren kann. Erst schießt er einem überraschten Gegenspieler den Ball gegen die Brust. Der Ball springt zurück zu Wirtz. Im nächsten Moment schießt er dem selben Spieler mit dem Ball an das Standbein. Wieder springt der Ball zu Wirtz zurück. Zweimal Bande. Zweimal Zufall. Oder zweimal Genie. Wirtz fackelt nicht lange und schlenzt den Ball aus vollem Lauf unhaltbar in den Winkel. 1:0. Wir liegen uns in den Armen. Fremde Menschen fallen sich um den Hals. Bierbecher fliegen durch die Luft. Nur die klassische Bierdusche bleibt aus. Bei 20 Dollar pro Bier wissen selbst deutsche Fußballfans plötzlich, wie man mit Getränken verantwortungsvoll umgeht.
Achtelfinale
Für uns heißt es heute auch mal: etwas Kultur mitnehmen. Also schwingen wir uns in unseren etwas in die Jahre gekommenen Bus und gehen auf Entdeckungstour durch Boston. Die Crew ist bestens gelaunt: Ganser, Schlotti, meine beiden Künstler und ich.
„In Amerika zu fahren, ist schon anders“, berichtet Ganser, der als Neu-Amerikaner den Job als Fahrer und Guide übernommen hat. Immer wieder versucht er mich zu überreden, ihn als Trainer in seiner Academy zu unterstützen. Ein Job, den ich mir durchaus zutrauen würde. Allerdings sehe ich mich eher als Spielerberater. Nicht zuletzt hat mir meine gute Nase den Vorvertrag mit dem Torschützen aus Curaçao verschafft.
Ganser chauffiert uns ganz entspannt durch die Straßen Bostons. Plötzlich stehen wir an einer Ampel – direkt neben dem Mannschaftsbus des DFB. Das Spiel wiederholt sich noch an drei weiteren Kreuzungen. Offenbar haben wir dasselbe Ziel.
Am Campus der Harvard University angekommen, möchte ich meinen Jungs zeigen, wie die ganz große Welt aussieht. Gaby und ich wussten zwar früh, dass es für den akademischen Durchbruch bei unseren beiden nicht reichen würde. Aber auch die Fußballkarriere ihres Vaters blieb für sie außer Reichweite. Die Realität heißt eben Anker Wismar oder Wöpkendorf. Landesliga halt.
Während wir über den Campus schlendern, rollt auch der Bus der Nationalmannschaft langsam an uns vorbei. Voll besetzt mit Spielern und Staff. Da wäre sicher auch noch ein Platz für El Mala frei gewesen. Wahrscheinlich hätte das in dem ganzen Menschengewimmel niemand bemerkt.
Durch die großen Scheiben kann man gut erkennen, wie einige Nationalspieler neugierig aus den Fenstern schauen. Und dann passiert es: Auf einmal fällt Undav fast der Döner aus der Hand. Wild gestikulierend zeigt er in unsere Richtung, schlägt die Hände vors Gesicht und starrt ungläubig nach draußen. H A V E R T Z - U N I V E R S I T Y
Wir können uns das nicht erklären. Vielleicht ist ihm eine Zwiebel im Hals stecken geblieben. Vielleicht hat er aber auch einfach Ganser erkannt. Man weiß es nicht. In diesen Tagen scheint schließlich alles möglich zu sein.
Der Tag begann allerdings deutlich unspektakulärer – oder besser gesagt: britischer. Zum Frühstück gab es eine kleine Teeparty. Wobei „Tee“ hier natürlich relativ ist. Der Mecklenburger Punch – schwarzer Tee, Saft und ein guter Schuss Rum – erwies sich als erstaunlich solide Grundlage für einen WM-Spieltag.
Auch wenn unser Zug bekanntlich keine Bremsen hat, legen wir heute einen kurzen Halt ein – zum Gockelrupfen. Frankreich wartet. Und ehrlich gesagt: Bei dieser Offensivabteilung der Grande Nation darf einem schon mal kurz mulmig werden. Mbappé, Dembélé, Olise – da rollt mehr Tempo auf einen zu als auf der A19 am Freitagmittag.
Schade eigentlich, dass unser kleiner Franzose Adrien Lebeau bei der Kogge nie so richtig ins Rollen kam und sein Vertrag nicht verlängert wurde. Als Spielerberater blutet einem da natürlich ein bisschen das Herz. Vereinslos ist Lebeau schließlich kein schlechter Zustand, sondern manchmal einfach der Auftakt zu einem ordentlichen Handgeld beim nächsten Vertrag. Man muss die Dinge eben positiv sehen. Apropos Vereinslos - wo ist denn Niklas Süle wenn man ihn braucht. Auch so einer der ohne Vertrag seine Karriere beendet. Den hätte ich an diesem Abend nur zu gern in der Startelf gesehen. Seine Jahrhundertgrätsche gegen Mbappé hängt bei mir zu Hause als Leinwand im Büro – Geburtstagsgeschenk meiner Jungs. Es gibt Kunstliebhaber. Ich sammle eben Verteidigungsarbeit. Ohne Süle auf dem Platz, aber mit Blücher in der DNA glauben wir an die Deutsche Mannschaft.
Vor dem Stadion hatten wir unsere WM-Challenge. Mit der Verletzung von Nico Schlotterbeck war nicht nur ein Nationalspieler ausgefallen, sondern auch die Karten-Connection über seinen Onkel. Plötzlich standen wir ohne Tickets da.
Also blieb nur der freie Markt. Uns war von Anfang an klar, dass das kein Schnäppchen werden würde. Für Johnny schienen knapp 500 US-Dollar für ein WM-Ticket ein durchaus akzeptabler Preis zu sein. Ich dagegen rechnete automatisch in Ostseestadion-Dauerkarten um. Das waren ungefähr zwei Saisons auf der Südtribüne – für 90 Minuten Fußball. In meinem Kopf begann ich bereits, meinem Steuerberater zu erklären, warum sich eine WM-Reise selbstverständlich als betriebsnotwendige Ausgabe verbuchen lässt.
Zum Glück gibt es Menschen wie Ganser. Der war inzwischen gefühlt Halbamerikaner und verfügte über Kontakte, von denen normale Sterbliche nur träumen. Ein paar Telefonate später organisierte er uns tatsächlich Tickets – ganz offiziell über die United States Soccer Federation. Während andere noch mit windigen Ticketdealern verhandelten, hielten wir plötzlich reguläre Eintrittskarten in den Händen. Manchmal braucht es eben keinen Schwarzmarkt, sondern einfach den richtigen Mann im Telefonbuch. Kosten 800 US Doller pro Karte - ein Schnäpper.
Das Spiel? Der Mann des Abends? Wieder einmal Deniz Undav. Doppelt getroffen, doppelt geliefert. Langsam entwickelt sich bei mir eine Theorie: Julian Nagelsmann macht Undav mit jeder Jokerrolle erst so richtig wütend. Und dann schickt er ihn hochmotiviert aufs Feld, wo er den ganzen Frust einfach in Tore umwandelt. Klingt verrückt? Vielleicht funktioniert es? Offensichtlich. Und solange der Ball im Netz landet, soll Nagelsmann ruhig weitermachen.
Mit einer Götze ins Finale
Oft denke ich an die großen Momente meiner Karriere zurück. Nicht, weil es so viele gewesen wären. Sondern weil man sie mit zunehmendem Alter immer größer erzählt.
Die U-18-Europameisterschaft 1986 mit der DDR zum Beispiel verpasste ich nur knapp. Unser damaliger Trainer, Eberhard Vogel, war ein Mann, der Pünktlichkeit nicht als Tugend, sondern als Lebensinhalt verstand. Für jemanden wie mich war das natürlich problematisch. Turm 3 oder Training ? Das war bei Sonnenschein keine Frage für mich. Anders als bei den anderen Spielern meiner Generation.
Der Sachsen-Block um Matthias Sammer stand grundsätzlich schon auf dem Trainingsplatz, wenn der Platzwart noch den Schlüssel suchte. Die rannten dem Ball hinterher, als gäbe es Prämien für Extrameter. Ich betrachtete Fußball damals eher als Ausdauersport mit längeren Erholungsphasen.
Mit Axel Kruse schaffte es immerhin ein Mann von der Kogge ins Turnier. Hafen Rostock schickte Zimmermann zur Europameisterschaft. Man stelle sich das heute einmal vor: ein Sportler von der SV Hafen Rostock bei einem internationalen Turnier. Das klappt heutzutage höchstens noch als Schiedsrichter.
Mein erster großer Triumph folgte einige Jahre später. 1991. Letzter DDR-Meister. Eine dieser Auszeichnungen, die mit jedem Jahr wertvoller werden, weil es niemanden mehr gibt, der sie wiederholen kann. Trainer war Uwe Reinders. Uwe und ich, das funktionierte vom ersten Tag an. Wahrscheinlich deshalb, weil wir gewisse Dinge ähnlich betrachteten. Vor allem den Vormittag. Ich sage nur: Kein Vormittagstraining ohne Frühschoppen. Uwe hätte selbst die Trinkpause bei einer Weltmeisterschaft als taktische Einladung verstanden.
Ein weiteres großes Finale wartete dann am letzten Spieltag unserer ersten Bundesligasaison. Klassenerhalt. Noch ein Sieg. Noch neunzig Minuten. Nur dieses eine Spiel. Nur noch dieses Spiel gewinnen. So fühlt es sich auch jetzt an.
Halbfinale – nur noch diese eine Partie. Dann ist plötzlich alles möglich. Dann Geschichte.
Fußballer sind abergläubische Menschen. Wer einmal mit der linken Socke gewonnen hat, zieht künftig immer zuerst die linke Socke an. Wer beim Sieg einen Kaugummi kaute, kaut fortan dieselbe Marke. Ich selbst musste immer mit dem linken Fuß zuerst den Rasen betreten.
Ganser schloss beim Einlaufen grundsätzlich die Augen. Und Schlotterbeck krempelte seine Ärmel so weit hoch, bis der Schiedsrichter ihn zurückpfiff. Für das Halbfinale hatte sich allerdings Karo-Julian etwas ganz Besonderes ausgedacht. Sein Plan trug den Namen: Mario Götze. Der Held von Rio sollte uns ins Finale bringen.
Angeblich hatte Oliver Bierhoff nach dem WM-Triumph 2014 eine Statue von Götze für sein Büro anfertigen lassen. Eine dieser Ideen, die vermutlich kurz nach Mitternacht entstanden und am nächsten Morgen niemand mehr hinterfragen wollte. Jahre später stand das Ding irgendwo im Keller des Deutscher Fußball-Bund zwischen ausgemusterten Roll-ups und vergessenen Marketingkonzepten. Karo-Julian ließ die Statue kurzerhand ausgraben. Von Frankfurt in die USA. Für ein Halbfinale. Man muss Fußball nicht immer verstehen.
Vor dem Eingang zur Kabine stand nun also Mario Götze. Lebensgroß. Oder zumindest groß genug, um Eindruck zu machen. Karo-Julian erklärte den Ablauf mit der Ernsthaftigkeit eines Priesters vor der Messe: Jeder Spieler müsse beim Hinausgehen den Kopf der Statue berühren. Das bringe Glück. Niemand lachte. Das ist vielleicht das Erstaunlichste an dieser Geschichte. Stattdessen strichen gestandene Männer nacheinander über den bronzenen Schädel von Mario Götze, als hinge das Schicksal der Nation davon ab. Vielleicht tat es das ja sogar. Im Fußball ist die Grenze zwischen Aberglaube und Taktik schließlich oft erstaunlich schwer zu erkennen.
Ob es an Marios Kopf lag oder doch an der richtigen Taktik. Wir gewannen total überlegen mit 3: 1 und stehen im Finale der Fussball WM 2026.
Finale
Wahnsinn. Wochenlang hatten wir davon gesprochen. Vom großen Abend. Von den besten Plätzen. Von den Geschichten, die man später erzählen würde. Nun sitzen wir mit zufällig auf dem Parkplatz aufgegabelten Jungs in einer Bar und bei einer „watch party“. Kein Stadion. Kein Finale zum Anfassen. Nur schales Bier, müde Hotdogs und die Gewissheit, dass die Schuldfrage schnell geklärt ist. Ich bin schuld. Dabei fing alles so gut an …
Schlotti hatte Karten besorgt. Nicht irgendwelche Karten. Finaltickets. Über seinen Neffen. Rheinmetall-Sponsorenkontingent. Greenwashing anders. Die ganz große Schublade also. Wir mussten die Tickets lediglich im Mannschaftshotel abholen. Ein Satz, der harmlos klingt, aber rückblickend den Beginn einer Katastrophe markiert.
Geduldig warteten wir unten im Hotel und beobachteten das bunte Treiben. Ein paar Kinder aus der Gegend lauerten auf Fotos und Autogramme. Einige Journalisten hatten sich eingefunden. Und auch Kloppo, mit dem ich seit unseren legendären Schafkopfrunden auf dem Nachbar Hotelzimmern per Du war, gab ungefragt Interviews an alles, was entfernt nach Presse aussah.
Dann öffnete sich der Fahrstuhl. Schlotterbeck. Muskelhemd. Wirtz. Fischerhut. Eine Szene wie aus einem Fußballfilm mit viel zu kleinem Budget. Niels begrüßte seinen Neffen und präsentierte seine Oberarme wie Sylvester Stallone einst in „Over the Top“. Die beiden sind Familie – das sah man sofort. Auch ich bekam für einen kurzen Moment Aufmerksamkeit. Schlotti drückte mir einen Briefumschlag mit den Finaltickets in die Hand. Ich spähte hinein. VIP. Raketenstark.
In diesem Moment kommt Kloppo angerannt. Er will Schlotterbeck und Wirtz von hinten mit ausgebreiteten Armen umarmen, verfängt sich dabei jedoch in einem Kabel einer Kameraleuchte und reißt unsere komplette Gruppe zu Boden.
Wir liegen da wie umgekegelte Kegel. Neben uns: Briefumschläge, Finaltickets, handgeschriebene Taktiknotizen, Autogrammkarten von Wirtz, Kaugummis und zwei Fischerhüte.
Beim Aufstehen stoße ich noch mit dem Kopf gegen Flo Wirtz. Wir greifen beide gleichzeitig nach den Briefumschlägen. Er will seine Autogrammkarten retten, ich meine Finaltickets. Dabei blickt er unverkennbar neidisch auf meinen Hansa-Fischbrötchen-Weltmeister-Angelhut. „Wir sind schon Weltmeister“, prahle ich. Kollektives Gelächter. Wir verabschieden uns.
Kloppo erklärt derweil weiterhin irgendwelchen Menschen in der Lobby die Welt – möglicherweise waren es sogar Journalisten. Wirtz klatscht mit den Local Kids ab und drückt ihnen einen Briefumschlag in die Hand. Noch ein Selfie, dann verschwinden er und Schlotti wieder im Fahrstuhl.
Erst Stunden später, beim Public Viewing zwischen Ketchupflecken und Pappbechern, wird klar: Irgendwo zwischen Lobbyboden, Fischerhut und Kloppo-Chaos muss etwas vertauscht worden sein.
Die local kids in der Lobby hatten nämlich nicht wegen eines Selfies so laut gejubelt. Sie hatten die Finaltickets bekommen ! Und wir die Autogrammkarten.
Und das Finale? Dabei sein ist alles. So ähnlich verlief übrigens auch meine Karriere.
Let’s go, Germany!
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