RONNY GERNHART
Ronny Gernhart bei der WM 2026 – Kapitel 2: Zwischen Ahornsirup und Schafkopf
Jun 26
Angekommen in Toronto ging es auf direktem Weg ins Hotel. Meine Reisegruppe war enorm geschwächt – vermutlich hatte sie das neue Buch von Volker Struth, „Meine Spielzüge“, in Dauerschleife auf Spotify nicht verkraftet. Ich dagegen war on fire, hochmotiviert, den nächsten Nachwuchskicker – diesmal von der Elfenbeinküste – unter Vertrag zu nehmen.
Schlotti hatte uns das Hotel in Toronto gebucht, Empfehlung vom DFB, und siehe da: ein Luxustempel par excellence. Da Gabi schon wieder zurück in Rostock war und die Künstler in New York weilten, hatte ich die Familiensuite für mich allein. Ich sah mich schon, nur mit blau-weißem Angelhut bekleidet, nackt wie Gott mich schuf, dabei, wie ich einer afrikanischen Schönheit den Ahornsirup aus dem Bauchnabel schlürfte.
Plötzlich brach im Nachbarzimmer lautes Gekreische und Geschrei los – eine Party? Ohne mich? Die Stimmen kamen mir bekannt vor, und tatsächlich täuschte mich mein Gehör nicht. Vom Balkon aus konnte ich einen Blick ins Nachbarzimmer werfen: Kloppo, Mats Hummels und Thomas Müller. Die Magenta-TV-Crew!
Die drei telefonierten per Lautsprecher mit jemandem, dessen Stimme ich nicht ganz verstehen konnte. Ich schnappte ein paar Worte auf, und es schien, als warteten sie auf jemanden, der mit seinem alten VW-Bus auf der Strecke von Houston nach Toronto liegen geblieben war. Thomas redete sich im bayerischen Dialekt in Rage und schimpfte ins Telefon: „Schafkopf zu dritt geht nicht! Tabea, beeil dich und sieh zu, dass du jetzt herkommst!“
Kloppo war inzwischen auf den Balkon gekommen und lächelte mich mit seinen vielen Zähnen freundlich an. „Na, auch deutscher Fußballfan?“, fragte er.
„Nordostdeutscher“, antwortete ich, um gleich auszuschließen, dass ich irgendetwas mit Sachsen zu tun haben könnte.
„Kannst Schafkopf spielen? So ein bayerisches Kartenspiel?“
„Freilich“, sagte ich. Martin Max hatte mir das auf den ewig langen Zugfahrten in den Nullerjahren bei Auswärtsspielen beigebracht.
„Na dann komm mal rüber, mein Sportsfreund.“
Und so lud mich Kloppo ins Nachbarzimmer ein. Die drei hatten ein Apartment von Magenta TV gestellt bekommen und waren der Meinung, dass so ein WG-Leben verjüngt. Kurze Roomtour: nur 7 von 10. Kloppos Bett war mit RB-Leipzig-Bettwäsche frisch bezogen und duftete aufdringlich nach Gummibärchen. Die Badewanne der Suite war randvoll mit Eiswürfeln gefüllt, in denen bunte Red-Bull-Dosen und Paulaner Hefeweizen schwammen.
Wir gaben uns größte Mühe und hatten nach sechs Stunden Schafkopf den Inhalt der Badewanne erledigt. Mats hatte uns alle nackig gemacht – den Ehrgeiz aus seiner aktiven Zeit hatte er noch nicht abgelegt. Jede freie Sekunde spielte er mit irgendetwas herum: jonglierte mit dem Ball, während er Karten spielte, sprintete durch die Wohnung, während gemischt wurde, oder spielte Paddle-Tennis gegen die Panoramafensterscheibe. Das Karriereende fiel ihm offensichtlich schwer; bis zur Kaderveröffentlichung hatte er auf einen Anruf von Nagelsmann gewartet. Er wäre bereit gewesen. Topfit.
Am kommenden Tag ging es dann mit Ganser und Schlotti zum zweiten WM-Spiel unserer Mannschaft ins Stadion. Der Gegner: die Elfenbeinküste, Afrikameister. Ein Team voller Temperament, ein Land mit Potenzial – aber ein Fußballspiel zum Abgewöhnen. Der Expected-Goal-Wert lag bei null. Nagelsmann selbst war kurz eingenickt und hatte einen möglichen Spielerwechsel verschlafen. Endstand 0:0.
Enttäuscht machten wir uns auf den Rückweg ins Hotel. Plötzlich legte unser Taxifahrer eine Vollbremsung hin. Mitten auf der Straße stand ein alter, schrottiger VW-Bus.
„Liegengeblieben?“, fragte unser Driver.
„Yes“, antwortete eine junge Frau im Batik-Shirt und mit Arsenal-Mütze.
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