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RONNY GERNHART

Ronny Gernhart bei der WM 2026 – Kapitel 1: Mit Ronny zu Donni und Johnny

Ronny Gernhart bei der WM 2026 – Kapitel 1: Mit Ronny zu Donni und Johnny

Jun 26
Ich sag mal so: Wenn du in den 90ern beim FC Hansa Rostock gespielt hast, aber keiner mehr genau weiß, ob du wirklich auf dem Platz standest oder nur beim Aufwärmen die Hütchen eingesammelt hast – geht’s um mich – Ronny Gernhardt.

Meine Karriere war wie ein schlecht getretener Freistoß – viel Hoffnung, wenig Zielwasser. Einst Spieler bei der Kogge, dann Spielerberater. Beides eher… sagen wir: atmosphärisch wertvoll. Aber genau deshalb wollte ich ja diesen Sommer zur WM in die USA. Neue Märkte erschließen. Curaçao zum Beispiel. Große Fußballnation im Kommen, das habe ich im Gefühl. Zwei alte Weggefährten waren gleich von der Idee begeistert. Thomas Gansauge – Ganser, Ex Hanseat wie ich und nun in Chicago Betreiber der Hansa Fussball Academy. Noch bevor die Bayern und Dortmund in den Staaten ihre Büros und ihre weltweiten Kooperationen starteten war Hansa in Amerika schon am start! Unser dritter Bruder betreibt ebenfalls eine Fussballschule - Niels Schlotterbeck. Schlotterbeck kam 19992 aus Duisburg zu uns in den Verein, blieb aber nur für ein paar Spiele an der Ostsee. Trotzdem waren wir immer wieder in Kontakt miteinander und er versorgte Gabi und mich gelegentlich mich Eintrittskarten zu Spielen seiner Neffen, die in Augsburg und Dortmund spielen. Apropos Gabi. Die war auch mit dabei und unsere beiden Teenager Jungs. Offiziell Hansa-Fans, inoffiziell Graffiti-Künstler mit mehr Anzeigen als ich Einsätze in der Oberliga. Die Reise begann vielversprechend und endete aber für Gabi schon bei der Einreise. Geburtsort „DDR“ im ESTA Einreiseformular angegeben, dazu ein russischer Stempel im Reisepass – die Amerikaner fanden das weniger nostalgisch als ich. Zack, Rückflug. Kurz traurig gewesen, dann ging’s weiter. So ist das im Profifußball – einer fällt aus, der Rest muss liefern.
In New York kam dann das Wiedersehen mit alten Spielerweggefährten: Ganser und Schlotte warteten am Flughafen auf uns. Beide standen im eigenem Angebertrikot ihrer Fussballschulen am Ausgang - ich mit Hansa Angelmütze und Temu Rimowa und den zwei „Künstlern“. 
Schlotte hatte uns die WM-Tickets organisiert. Vitamin B. Sein Neffe spielt ja schließlich in der Nationalmannschaft, Nico Schlotterbeck. Ich sag mal so: Früher haben wir zusammen auf Ascheplätzen gegrätscht, heute grätscht er sich in internationale Schlagzeilen. Manchmal ungünstig, wie sich noch zeigen sollte.
 
 
Unser Plan war ein Roadtrip durch die USA. Gemeinsam die Spiele der deutschen Mannschaft anschauen und eine gute Zeit erleben. Wir holten den gemieteten Camperbus an der Vermietung ab und tranken zum Wiedersehen abends im Motel einige ungenießbare amerikanische Biere, selbst die lokale Plürre schmeckt besser. Mit unwohlen Gefühl brechen wir am nächsten Tag Richtung Houston, der ersten Spielstätte der deutschen Elf auf. Immer noch vernebelt vom schlechten Bier, Stress beim check out, vergessen wir tatsächlich am nächsten Morgen meine beiden Söhne. Wie sich später herausstellt, sind die Jungs noch Nachts unterwegs gewesen und haben verschlafen… Passiert. Wer Kinder hat, kennt das. Denkst, alles ist dabei, und dann fehlen plötzlich zwei Graffiti-Künstler im Kofferraum.
Unbemerkt davon fahren wir Richtung Houston. Fokus: Geschäft. Deutschland gegen Curaçao. Auf dem Papier ein klares Ding für uns. Mein Plan - ich schleiche mich im Stadion in den Fanblock von Curaçao. Networking - früher hieß das: „Ronny, geh mal Bier holen und bring Kontakte mit.“ Und tatsächlich – ich lande direkt neben einer karibischen Schönheit. Plötzlich – 1:0 für Curaçao – begünstigt durch einen… nennen wir es kreativen Moment von Nico Schlotterbeck – liege ich ihr schon in den Armen. Ich im Hansa-Fischerhemd-Trikot, sie mit Rum-Cola, wir beide vereint durch das, was Fußball wirklich ausmacht: Zufall und Alkohol. Jetzt stellt sich raus: Meine neue Fanfreundin ist die Mutter vom Torschützen. Bingo! Ich erzähle ihr gleich meine Karriere im Schnelldurchlauf. Leicht angepasst. Letzter DDR-Meister, Champions-League-Duell gegen Pep Guardiola, einmal durch die Beine gespielt – sie war beeindruckt. Ich auch, ehrlich gesagt. Hatte ich fast selbst vergessen.
Julian Nagelsmann, Trainer der deutschen Nationalmannschaft, schickte in der Zwischenzeit schon mal den Undav zum Warmlaufen. Das Spiel plätscherte weiter dahin und wurde pünktlich nach 90 Minuten abgepfiffen – ohne eine Einwechslung von dem Undav, der an der Eckfahne für Fotografen posierte und nicht eingewechselt wurde. Spielstand nach 90 Minuten – 1:0 verloren.
Nach dem Spiel geht’s mit dem Fanmob in eine feine karibische Bar. Dem Barkeeper bringe ich gleich das Rezept des DDR-Kultgesöffs „Grüne Wiese“ bei, das so zum Verkaufsschlager am Abend wird. Jetzt wächst endlich zusammen was zusammen gehört. „Grüne Wiese“ war das Kultgetränk aus meiner und Gabis RoGo-Zeiten in den 80er Jahren. Es läuft jetzt plötzlich besser als meine Beraterkarriere. Die Mutter vom Torschützen tanzt Limbo mit mir, ich unterschreibe gedanklich schon den Vorvertrag.
Ganz versteckt in der Ecke konnte man am Vierertisch noch Thomas Gansauge, Niels Schlotterbeck mit seinem Neffen und dem Undav diskutieren sehen. Während Nico Schlotterbeck selbstgesprächsführend seinen Patzer zum Gegentor immer wieder vor sich hin predigte, versuchte Ganser, dem Undav über die Wichtigkeit der Defensivarbeit als Stürmer zu belehren. Der hörte nicht richtig zu war aber ganz angetan von seinem neuen Gesprächspartner und schwärmte von der Chicagoer Automobilindustrie. Beide redeten aneinander vorbei, fühlten sich aber gut verstanden und waren sich am Ende des Abends einig – das ist eine neue Freundschaft.
Und ich? Ich sitze da, mit einem Drink in der Hand, einem fast unterschriebenen Spieler Vertrag mit einem Talent aus Curaçao im Kopf und denke mir: Ronny, Junge – du hast es vielleicht nie ganz nach oben geschafft. Aber immerhin weißt du, wo die Party ist und ich widme mich weiter dem Limbo mit meiner neuen Fanfreundin.  
PS. Erst später erfahre ich, was meine Jungs in der Zwischenzeit in New York angestellt haben – die Freiheitsstatue hat eine Hansa-Fahne in der Hand und ist blau-weiß bemalt.

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