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Sport

Die Entdeckung der Langsamkeit

Die Entdeckung der Langsamkeit

Jun 26
Gravel ist in aller Munde! Die Rückeroberung der Schleichwege eröffnet Rostock und seiner wunderschönen, oftmals menschenleeren Peripherie ganz neue sportliche, aber auch touristische Möglichkeiten. André Greipel, der einst im Windschatten der World-Tour über den Asphalt gebrettert ist, lässt es heute eher ruhiger angehen und will mit seinem Event – dem SeaSide Ride – Radfahrer von überall her für die Schönheit unserer Region begeistern. Vielleicht eine Idee fürs Landes-Marketing: Gravel Land Mecklenburg-Vorpommern? Wir gehen rein …

Da kann einem Radsport-Fan nur das Herz aufgehen: Vor ziemlich genau 13 Jahren haben wir Peter Sager auf der Radrennbahn interviewt („Die Trainerlegende von nebenan“, noch auf unserer Website auffindbar). Er war Mitinitiator großer Karrieren wie der von Ulle, Vossi, Magic Baumann, Korff, André Greipel – um nur einige zu nennen. Letzteren treffen wir nun selbst auf der Radrennbahn wieder, er leitet das Training der Kids von PSV Rostock und des Doberaner SV. „Ehrenamt ist wichtig und mir macht es Spaß mit den Kids zu trainieren“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, die man sich von allen Profis im Ruhestand nur wünschen kann. „Man kann auf diese Art einfach was zurückgeben und im PSV Rostock und auch beim Doberaner SV sind einige dabei, die auf nationaler Ebene mithalten können. Mir macht es Spaß, die Entwicklung zu begleiten.“ So schließt sich der Kreis. 
Man darf nicht müde werden es immer wieder auszuformulieren: André Greipel war nicht irgendein Name im Radsport. Er ist faktisch der erfolgreichste deutsche Straßenradsportler: 158 Profi-Siege zieren seine lange Karriere – 22 davon bei den drei großen Landesrundfahrten. Doch während er als Sprinter für die Top Teams der World Tour immer mit Highspeed unterwegs war, ist seine Gier nach Geschwindigkeit seit seinem Rücktritt vom Profi-Sport ziemlich abgeebbt. „Ich habe keine Ambitionen mehr auf Vollgas – gemessen habe ich mich oft genug“, sagt er – sieht aber immer noch aus wie ein Top-Athlet. Natürlich fährt er auch mal schnell, aber er „mag es auch langsam zu fahren“. Seine Sehnsucht nach dem Wettkampf tendiert im Moment gegen Null und selbst das Tempo-Geballer mancher Trainingsgruppen sei ihm zu hektisch und unnötig schnell. Bei diesem Mindset-Switch: Weg vom Sprint hin zum Genuss bzw. „der Weg ist das Ziel“, war es dann vermutlich nur eine Frage der Zeit, oder der richtigen Mannschaft, um ein eigenes Gravel Event auf die Beine zu stellen. „Immer wenn ich Rad gefahren bin, habe ich gedacht – sowas will ich mal machen“ und meint damit sein neues Baby - das SeaSide Ride. Die Mission ist einfach und sympathisch: „Wir wollen, dass die Leute die wunderschöne Landschaft kennenlernen“. Natürlich ein Spagat zwischen Genuss und Temposucht mancher Teilnehmer. Aber: „Wer schnell fahren will – kann das ja auch auf den Segmenten machen“. Diese sind extra angelegt und man kann dann via Strava digital um die Wette fahren. Und trotzdem mahnt André wieder zu Langsamkeit, denn „wer schnell fährt, der verpasst auch was“. Wohl wahr!
Doch was hat es mit diesem Gravel-Hype eigentlich auf sich? Kaum ein Wort hat die Fahrrad-Industrie in den letzten Jahren so sehr beherrscht - „Gravel“ ist zum neuen heiligen Gral geworden: Neue Bikes, neues Equipment – klar wird das von der Industrie gepusht, um aus gesättigten Märkten neue Zielgruppen-Potenziale zu erschließen. Aber auch Abseits von alledem muss man einfach sagen, dass durch die Rückeroberung der Schleichwege mit dem Fahrrad, auch ein Andersdenken stattgefunden hat. Während im Rennrad-Bereich ausschließlich das „Faster Harder Scooter“ gilt – verstehen sich echte Gravel Enthusiasten eher als mäandernde Naturliebhaber abseits irgendwelcher Geschwindigkeitsdoktrin. Denn am Ende der Professionalisierungs-Einbahnstraße bleibt meist das auf der Strecke, was uns einst dazu gebracht hat: The one and only reason is fun, fun, fun (hat schon Fred Right geSaid). Aber auch ein anderer großer Name im Radsport hat fast philosophisch die Essenz auf den Punkt gebracht: „Ride as much or as little, or as long or as short as you feel. But ride.“ (Eddy Merckx)
Einer der diesjährigen TeilnehmerInnen beim SSR wird Miriam sein. Über ihren Arbeitgeber hat sie sich frisch ihr erstes Gravel Bike geleast und damit will sie die 100km-Strecke absolvieren. Eigentlich im MTB-, Enduro- und Rennrad-Metier unterwegs, war die gebürtige Thüringerin beim 2025er OstseeWandern völlig verdutzt über die ganzen Radfahrer, die da an ihr vorbeifuhren: „Was wandere ich denn, wenn ich hier auch einfach Fahrrad fahren kann?“, dachte sie damals und hat sich in dem Moment schon für die 2026er Auflage des SSR angemeldet. Es wird ihr erstes Gravel-Event sein und mit Blick auf ihre sportliche Historie, sieht sie sich körperlich, aber auch technisch gut vorbereitet. Wenngleich Gravel nochmal eine andere Belastung ist: „100km Rennrad fahr ich dir auch mit 40 Fieber weg, aber beim Graveln braucht man eine ganz andere Muskulatur und dann noch die ständig wechselnden Belastungen“. Gleichzeitig will sie es entspannt angehen, hat sich kein Ziel gesetzt, reist mit der gesamten Family an und der Sohnemann (dann 8 Jahre alt) darf an seinem Geburtstagswochenende beim SSR die Bambini-Tour mitmachen. 
Das ist es, wohin André mit dem SSR immer hinwollte – ein inklusives, familienfreundliches Fahrrad-Wochenende. Kurzurlaub nur in der aktiven Variante. Aber nicht nur die sportlichen Locals sollen profitieren, auch die musikalische Untermalung kommt aus der Region. Und so geht das Konzept schon im 2. Jahr auf: „Wir haben jetzt schon deutlich mehr Anmeldungen als letztes Jahr, wollen aber langsam wachsen und vor allem die Persönlichkeit der Veranstaltung wahren“, sagt André und es klingt – als würde sich da ein langfristiges Radsport Event in MV etablieren. Chapeau!

Paul Fleischer

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