Wenn man Karoline Kaminski das erste Mal begegnet oder sie beobachtet, wirkt sie ruhig, fast ein wenig zurückhaltend. Doch wer denkt, dass hier nur leise Töne gespuckt werden, täuscht sich gewaltig. Sobald sie ans Klavier greift oder die Gitarren losbrechen, entfaltet sich eine Wucht, der man sich kaum entziehen kann.
Dass Karoline heute da steht, wo sie ist, war dabei kein vorgezeichneter Weg. Musikalisch ist sie absolute Autodidaktin: „Wir hatten ein Klavier im Wohnzimmer, und ich habe einfach nach Gehör gespielt. Kein Studium, keine Noten, nur Gefühl“, erinnert sie sich. Über den klassischen Liedermacher-Sound ihrer Mutter ging es zu Vorbildern wie Alicia Keys oder Tori Amos und schließlich hin zum Pop-Rock. Nach Zwischenstopps in Kiel (Geographie-Bachelor), Marseille und Lissabon (Master in Kulturwissenschaften) zog es sie nach Berlin. Doch das Großstadt-Getöse war auf Dauer nichts für sie: „Berlin ist laut, schnell, überfordernd. Ich brauche das nicht dauerhaft.“
Seit Anfang 2025 lebt sie nun in Warnemünde – und genießt die Entschleunigung an der Ostsee. Selbst der sommerliche Touri-Trubel lässt sich mit dem Rad Richtung Wilhelmshöhe schnell hinter sich lassen. Privat pendelt sie heute entspannt zwischen der Küste und Lissabon, arbeitet hauptberuflich im Musikvertrieb – und macht genau die Musik, die aus ihr heraus muss.
Im letzten Jahr ist bei der Musikerin extrem viel passiert. Auf die Zusage fürs LandesPopFestival 2025 folgten die ersten Schritte in der lokalen Szene. „Berlin war ein Ellenbogen-Ding, hier ist das ganz anders. Man tauscht sich aus und hilft sich gegenseitig“, erzählt Karoline begeistert. Ob beim Musikerstammtisch mit bekannten Gesichtern der Rostocker Szene oder beim lockeren Plausch über Produktionstools – der Zusammenhalt im Norden tut ihr sichtbar gut.
Eigentlich wollte sie sich zuletzt intensiver damit beschäftigen, ihre Songs komplett selbst zu produzieren (aktuell nutzt sie dafür Cubase). Doch dann kam die Zusage für ein Stipendium – und damit der positive Druck, Nägel mit Köpfen zu machen: „Da musst du liefern und ich wusste, das muss gut werden.“
Kurzerhand schaltete Karoline wieder auf bewährte Arbeitsweisen um und holte ihr Team ins Boot: Meist entstehen die Tracks im Dialog mit ihrem langjährigen Produzenten und Drummer Matan Goldstein aus Berlin. Für die neue Scheibe spielte außerdem Adar Alfandari (ebenfalls aus Berlin) zum ersten Mal Gitarre und Bass ein.
Das Thema, das sie für das Stipendium eingereicht hat, ist extrem persönlich und trägt den Titel ANODYNE – ein altes englisches Wort für Schmerzmittel. Der Begriff entstand nach einer schweren depressiven Episode, ausgelöst durch eine Unverträglichkeit von Nahrungsergänzungsmitteln, die sie glücklicherweise mit ihrer Ärztin auflösen konnte.
Doch die Erfahrung saß tief. Auf die Frage, ob Musik für sie den Schmerz eher betäubt oder wie ein Skalpell die Wunde öffnet, findet Karoline eine klare Antwort: „Musik ist immer Heilung, sie sieht mich und ist immer da für mich.“ Es geht ihr auf der EP aber nicht nur um die düsteren Momente. Vielmehr fasst ANODYNE all das zusammen, was sie in den letzten ein bis zwei Jahren bewegt hat.
War ihre EP Verde (2022) noch sehr introspektiv und vom Klavier geprägt, bricht Karoline auf ANODYNE deutlich gitarrengetriebener, direkter und mit spürbarer Rock-Härte durch. Ein bisschen Evanescence schwingt da mit, gepaart mit der Unverblümtheit einer Alanis Morissette. „Mir macht diese mehr rockige Musik total Spaß. Ich möchte mich nicht einschränken und eine vielseitige Musikerin sein“, erklärt sie.
Auf der neuen EP wird nicht lange um den heißen Brei herumgeredet. In Tracks wie Death By Crucifixion rechnet Karoline mit religiösen Dogmen und patriarchalischen Strukturen ab – ein Thema, das sich über Jahre angestaut hat: „Ich bin selber unreligiös aufgewachsen, und je älter man wird, desto mehr merkt man, wie Religion und Patriarchat eine Macht bilden – zum Beispiel wenn ein Krankenhaus keine Schwangerschaftsabbrüche mehr anbietet, weil es kirchlich ist. Ich wünsche mir einfach, dass Religion Privatsache ist.“
Auch der Song Hard Times spricht eine deutliche Sprache: Er erteilt hohlen Entschuldigungen und der gesellschaftlichen Erwartung, dass man immer sofort vergeben müsse, eine Absage. Karoline nimmt sich das Recht auf konsequente Härte und verarbeitet Wut zu Klarheit.
Wer Karoline auf der Scheibe hört, merkt sofort: Hier ist nichts glattgebügelt oder auf Kommerz getrimmt. Wie gewohnt setzt sie auf DIY statt Major Label. Die Veröffentlichung von ANODYNEfolgt einem sogenannten Waterfall-Release:
Und was steht nach dem Release-Trubel an? Weiter als bis zum Erscheinungsdatum hat sie erst einmal bewusst nicht geplant – außer einem wohlverdienten Urlaub irgendwo in Asien. Den hat sie sich nach diesem intensiven musikalischen Kapitel aber auch mehr als verdient.
Von Antje Benda
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