Musik aus MV
Pallut – mit den Füßen im Küstensand
Apr 26
Manchmal dauert es eben einen Augenblick länger. Nicht, weil man im Norden langsam ist – wir warten hier nur gerne auf die richtige Windstärke. Wenn man sich mit Sänger Ramon von der Band Pallut unterhält, merkt man schnell: Hier geht es nicht um den schnellen Fame oder glattgebügelten Pop-Einheitsbrei. Hier geht es um Handwerk, Freundschaft und eine ordentliche Portion Haltung. Pallut Plattdeutsch für „offen heraus“ oder „geradeaus“.
Die Geburtsstunde von Pallut liegt im Herbst 2018. Ramon, der seine Wurzeln im Hip-Hop hat, suchte nach etwas Neuem. Der zündende Funke kam durch Toni (Gitarre), der neben Pallut auch Teil der Looney Roots ist. Auf deren Album From Roots We Rise gibt es den Song „Liberator“ auf den Ramon einfach mal gerappt hat. Er spielte es Toni vor und der erste Grundstein für Pallut war gelegt.
Was als musikalische Skizze begann, nahm 2019 rasant Fahrt auf. Im Mai spielten sie den ersten inoffiziellen Gig im Garten bei Freunden, kurz darauf folgte die Feuertaufe bei der Fête de la Musique in Rostock. Wer damals dabei war oder den Stream von Radio LOHRO verfolgte, hörte schon dort die Ankündigung eines Albums. Dass daraus eine mehrjährige Reise werden würde, ahnte damals noch keiner. Corona bremste sie aus. Doch seit Anfang 2025 ist ihr Album Phönisperspektive endlich veröffentlicht. „Ich hatte noch ein paar Skizzen liegen, die wir genutzt haben. Am Anfang ging das alles sehr schnell, wir hatten ruckzuck sechs oder sieben Songs zusammen“, erinnert sich Ramon.
Minimalismus mit Tiefgang
Pallut ist keine Band, die den Sound mit Effekten zukleistert. Das Konzept ist minimalistisch, aber druckvoll. Zu Toni (Gitarre/Gesang) und Ramon (Gesang) gesellten sich Johann an der Posaune und Bobby am Cajón. 2024 kam dann Mattu am Kontrabass dazu. „Den Bass haben wir eigentlich nicht vermisst“, gibt Ramon offen zu, „aber als Mattu dann dabei war, wurde der Sound einfach dicker.“ Mattu, ein Typ mit unfassbarem Gespür für Musik, brachte eine neue Qualität mit – ein blindes Verständnis, das die Band auf ein neues Level gehoben hat.
Im Januar 2025 war es dann endlich so weit: Das Debütalbum Phönixperspektive erblickte das Licht der Welt. In einer Zeit, in der das Format „Album“ fast schon als ausgestorben gilt, haben Pallut sich bewusst dafür entschieden. Sie wollten das Haptische, das Ganze. Es ist ein Liebhaberstück geworden. Erschienen auf „ballerbuntem“ Vinyl, gepresst bei Matter of Fact in Güstrow. „Wir konnten drei Farbkomponenten wählen, und jede Platte ist ein bisschen anders geworden“, erzählt Ramon stolz. Passend dazu das Booklet mit allen Texten – ein Statement gegen die digitale Belanglosigkeit. Musikalisch ist das Ganze ein Ritt durch die Gefühlswelten. Da ist „Flieg“, ein Song für eine früh verstorbene Schulfreundin. Ein Track, der lange nicht aufs Blatt wollte und dann plötzlich da war, als Ramon eigentlich nur ein Bier mit einem Kumpel trinken wollte. Es ist der emotionalste Song der Platte. „ Da Mattu aber musikalisch so vielseitig ist, hat er Fagott gespielt“ und den Song dadurch veredelt.
Dem gegenüber stehen Songs wie „Blaue Riesen“. Ein typischer Albumsong, der die Verschmutzung der Weltmeere thematisiert. Schwerer Stoff, der live eher zum Zuhören als zum Tanzen einlädt. „Meine Sachen sind oft total verkopft“, lacht Ramon, „aber bei den ‚Neohippies‘ schalten die Leute den Kopf aus und tanzen einfach. Den würden wir niemals aus der Setliste streichen.“
Besonders intensiv wird es bei „Tarana“. Der Song basiert auf einer wahren Begebenheit während einer Zugfahrt von Italien nach Deutschland. Ramon beobachtete eine syrische Mutter mit vier Kindern, völlig überfordert. „Sie wurde aus dem Zug gezogen, mit weiteren mehr als 90 Menschen aus Syrien und Eritrea.“ In „Tarana“ verarbeitet er die Geschichte, spult vor und zurück, stellt die Frage nach Fluchtursachen und der Anmaßung derer, die über Schicksale entscheiden. Es ist Ramons Weg, mit dem Unbegreiflichen umzugehen.
Dass Pallut keine Scheuklappen hat, zeigt auch der letzte Titel des Albums: „Bunt“. Ein Track gegen den Rechtsdruck, ein klares Bekenntnis zu einer offenen Welt. Das passt zum farbenfrohen Phoenix-Flügel auf dem Cover und zur Lebenseinstellung der Truppe.
Pallut trifft ... die ganze Szene
Vor der Veröffentlichung des Albums, starteten sie zudem eine Aktion auf Instagram. Unter dem Motto „Pallut trifft...“ interpretierten befreundete Künstler die Albumsongs neu. Von Punk über Dub bis Elektro war alles dabei. Für Ramon war ein Highlight: Metapha aus Schwerin. „Als ich ein Jugendlicher war, war er mein Idol. Ihn nach all den Jahren wieder rappen zu hören, auf einen meiner Songs, das war schon geil.“
Überhaupt blieb alles in der „Familie“. „Gemixt und gemastert hat Christian Maxam, das Cover stammt von Svea Reichenbach und das Art Work kommt von Black Pony a.k.a Caro Bremer – allesamt Freund*innen der Bandmitglieder.“ Selbst die „Cafe Sessions“ im Cafe Marat während Corona waren Eigenregie-Projekte, um Futter für Social Media zu haben, während man neben den normalen Jobs in jeder freien Minute am Album schraubte.
Was kommt nach dem Sturm?
Nach dem Release-Marathon ist es aktuell ein bisschen ruhiger um die Jungs geworden. Die Aufnahmen waren fordernd. Aber der Sommer steht vor der Tür. Eine Straßenmusik-Tour durch MV steht zwar nicht im Kalender, aber Fête de la Musique ist fest eingeplant. Man merkt: Bei Pallut steht das Rad niemals still, auch wenn es sich mal langsamer dreht, um den Moment zu genießen. Stoff für zwei bis drei weitere Alben liegt schon in der Schublade. Mecklenburg-Vorpommern darf sich also freuen – es bleibt direkt, es bleibt ehrlich, es bleibt Pallut.
ANTJE BENDA
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