Gastro
Liebe auf den ersten Spritz
Jun 26
Bereits ab Ostern zieht es Spritz-Enthusiasten in die Außenbereiche der hiesigen Gastronomie – ob am Stadthafen, am Uniplatz, in Warnemünde oder in den heimischen Garten. Denn eines ist klar: Ohne Aperol keine Sommervibes. Spätestens jetzt im Juni sind alle Tische orange gefärbt. Neben dem bekannten italienischen Aperitif gibt es jedoch viele weitere spannende Variationen des Bittergetränks, die es zu entdecken lohnt. Dieser Beitrag könnte ein gelungener Einstieg sein, um sich durch die Aperitifwelt und die Barszene der Stadt zu trinken.
Kaum ein Getränk hat die Bar- und Aperitifkultur der letzten zwei Jahrzehnte so geprägt wie der Aperol Spritz. Was heute als globales Sommer-Icon auf Terrassen, Strandbars und Social-Media-Feeds erscheint, ist jedoch kein spontanes Trendprodukt, sondern das Ergebnis einer langen Entwicklung europäischer Trinkkultur – und einer bemerkenswert erfolgreichen Neuinterpretation eines alten Getränketyps.
Der Begriff „Spritz“ selbst reicht weit zurück. Seine Ursprünge liegen im 19. Jahrhundert im Gebiet der damaligen Habsburgermonarchie in Norditalien, insbesondere in Venetien und Friaul. Dort mischten österreichische Soldaten und Reisende lokalen Wein mit einem „Spritzer“ Sodawasser, um ihn leichter und bekömmlicher zu machen. Aus diesem simplen Prinzip entwickelte sich eine ganze Kategorie von Getränken: Wein, Bitterlikör oder Wermut, verlängert mit Soda oder Schaumwein – niedrig im Alkoholgehalt, erfrischend und sozial gedacht.
Der Aperol selbst entstand deutlich später. Er wurde 1919 von den Brüdern Barbieri in Padua entwickelt und als leichter Bitterlikör positioniert – mit vergleichsweise niedrigem Alkoholgehalt und einem süßlich-herben Geschmacksprofil, das bewusst zugänglicher war als klassische, deutlich bitterere Aperitifs wie Campari. Die Kombination aus Aperol, Prosecco und Soda, die wir heute als Aperol Spritz kennen, setzte sich jedoch erst Jahrzehnte später wirklich durch.
Der internationale Durchbruch des Aperol Spritz kam vor allem ab den frühen 2000er-Jahren, als die Marke durch gezieltes Marketing und die Verbindung mit italienischer Lebensart – Sonne, Aperitivo-Kultur, Leichtigkeit – global positioniert wurde. Besonders in Mitteleuropa und später in Großbritannien und den USA wurde der Drink zum Synonym eines neuen, niedrigalkoholischen Lifestyle-Aperitifs. Seine leuchtend orange Farbe, die einfache Rezeptur und die klare visuelle Wiedererkennbarkeit machten ihn zusätzlich zu einem Social-Media-tauglichen Produkt.
Parallel dazu entwickelte sich ein breiter Trend: der Spritz als Kategorie. Nicht mehr nur Aperol Spritz, sondern eine Vielzahl an Varianten, die auf ähnlichem Prinzip beruhen. In Italien selbst sind neben Aperol Spritz auch Campari Spritz oder der Hugo verbreitet, letzterer mit Holunderblüte, Minze und Prosecco – besonders im Alpenraum populär geworden.
In Spanien existiert zwar kein direkter „Spritz“ als traditionelles Nationalgetränk, doch die dortige Aperitifkultur kennt ähnliche Konzepte. Besonders verbreitet ist Tinto de Verano, eine Mischung aus Rotwein und Zitronenlimonade oder Soda, die in ihrer Leichtigkeit und Erfrischung funktional dem Spritz-Prinzip sehr nahekommt. Daneben spielt Vermut con Soda – also Wermut auf Eis mit Sprudelwasser und oft einer Orangenzeste – eine zentrale Rolle in der spanischen Bartradition, insbesondere in Städten wie Madrid oder Barcelona, wo der „vermut de mediodía“ ein festes soziales Ritual ist.
In Portugal zeigt sich ein ähnliches Bild, allerdings mit stärkerem Fokus auf Weinbasen. Besonders populär ist Port Tonic, eine Mischung aus weißem Portwein und Tonic Water, die häufig mit Zitruszeste oder Minze serviert wird. Auch Varianten mit Vinho Verde, dem leicht perlenden jungen Weißwein aus Nordportugal, haben sich als sommerliche Aperitifdrinks etabliert und folgen ebenfalls dem Spritz-Prinzip: leicht, frisch, niedrig im Alkohol, verlängert mit Kohlensäure.
Frankreich wiederum bringt eine eigene Aperitiftradition mit, die zwar unabhängig vom Spritz-Trend entstanden ist, aber funktional große Überschneidungen aufweist. Klassiker wie Kir (Weißwein mit Crème de Cassis) oder Kir Royal (mit Champagner) sowie die südfranzösische Nutzung von Pastis, verdünnt mit Wasser, folgen ebenfalls der Idee eines verlängerten, aromatisierten Aperitifs. Auch hier steht weniger der Alkoholgehalt im Vordergrund als vielmehr der soziale Moment vor dem Essen.
Was den modernen Spritz-Trend jedoch auszeichnet, ist seine globale Vereinheitlichung unter einem klaren Label. Während früher regionale Aperitifs unabhängig voneinander existierten, werden sie heute zunehmend unter dem Begriff „Spritz“ vermarktet oder zumindest in diese Kategorie eingeordnet. Die Barwelt hat den Spritz dabei als flexible Bauform verstanden: eine Spirituose oder Weinbasis, kombiniert mit Bitterkeit oder Fruchtigkeit, verlängert mit Soda oder Schaumwein, serviert auf Eis, oft mit klarer Garnitur.
Diese Struktur erklärt auch die enorme Anpassungsfähigkeit des Konzepts. In der internationalen Bar- und Gastroszene sind in den letzten Jahren zahlreiche neue Interpretationen entstanden – von Grapefruit- oder Holunder-Spritz-Varianten bis hin zu alkoholfreien Versionen, die bewusst auf Bitternoten und Kohlensäure setzen, um das Gefühl des klassischen Aperitifs zu reproduzieren.
Auffällig ist dabei auch die Verschiebung der Trinkkultur selbst. Der Spritz steht nicht mehr nur für den klassischen Aperitif vor dem Essen, sondern hat sich zu einem eigenständigen Lifestyle-Getränk entwickelt, das unabhängig von Mahlzeiten konsumiert wird. Gerade im Sommer fungiert er als Symbol für Entschleunigung, Leichtigkeit und soziale Zusammenkunft im öffentlichen Raum.
Gleichzeitig wird in der Fachwelt zunehmend diskutiert, ob die starke Dominanz des Aperol Spritz nicht auch zu einer gewissen Vereinheitlichung der Aperitifkultur führt. Während früher regionale Unterschiede und lokale Bitterliköre eine größere Rolle spielten, dominiert heute häufig eine globalisierte, visuell stark standardisierte Form des Drinks.
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