Bewusst Leben
Liebe auf Langstrecke
Sep 25
Nähe, Lust und das große Schweigen
Eine Beziehung über Jahre oder Jahrzehnte zu führen, ist wie ein Langstreckenlauf. Am Anfang trägt einen die Euphorie – man läuft los, beseelt von Herzklopfen und dem Gefühl, nichts und niemand könnte einen aufhalten. Doch irgendwann lässt das Adrenalin nach und die Strecke wird herausfordernder. Es gibt Steigungen, Kurven und Durststrecken, die den Lauf schwerer machen. Manchmal fragt man sich, wieso mache ich das hier überhaupt? Das Anfangstempo hältst du nicht dauerhaft durch – und genau hier beginnt die eigentliche Herausforderung: Wie schaffen wir es, über Routinen und Alltag hinweg – nicht nur Team, sondern auch Liebespaar zu bleiben?
Der Alltag als Lust-Falle?
Ob mit Kindern oder ohne – der Alltag kann ein echter Beziehungskiller sein. Termine, Arbeit, Verpflichtungen, Müdigkeit: Abends bleibt oft nur der Gang zur Couch. Zweisamkeit scheint dann so fern wie die Ziellinie eines Marathons bei Kilometer 15.
Doch auch im Alltag lassen sich kleine Momente echter Nähe schaffen. Paare, die bewusst solche Augenblicke kultivieren, erleben ihre Beziehung langfristig als erfüllender. Eine Umarmung, die länger dauert als üblich, ein ehrliches „Wie geht’s dir gerade?“, gemeinsames Lachen über etwas Banales oder ein liebevoller Blick in die Augen am Morgen – diese Gesten wirken klein, sind sie aber nicht.
Denn Lust und Anziehung entstehen nicht erst beim Sex. Sie wachsen aus alltäglicher Nähe und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Wenn wir solche Momente bewusst erleben, fühlen wir uns einander näher und sicher im Miteinander. Das ist Intimität – echte Nähe und Vertrauen zwischen zwei Menschen – und sie legt den Grundstein dafür, dass Sexualität sich entwickeln kann.
Das große Schweigen – Scham
Wenn Intimität im Alltag zu kurz kommt, gestaltet sich das Thema Sexualität häufig als herausfordernd. Bei diesem Thema vermeiden viele Paare das Gespräch – und das selbst nach Jahren des Zusammenlebens oder gemeinsamer Kinder. Wir umgehen das Gespräch nicht aus Desinteresse, sondern häufig aus Scham.
Scham ist ein starkes, zutiefst soziales Gefühl. Es signalisiert uns: „So, wie ich bin, könnte ich abgelehnt werden.“ Sie schützt uns einerseits vor Zurückweisung, führt aber andererseits dazu, dass wir uns einander nicht in Gänze zeigen. In Beziehungen bedeutet das: Wir verbergen einen Teil unsere Träume, Ängste und Wünsche – und bleiben damit dann ein Stück weit alleine.
Besonders beim Thema Sexualität haben wir häufig nicht gelernt, über die eigene Lust zu sprechen. In der Schule ging es um Fortpflanzung und Verhütung, nicht um Nähe oder Berührung. Zuhause gestaltete sich das ähnlich. Kein Wunder also, dass wir als Erwachsene sprachlos sind, wenn es darum geht, die eigenen Bedürfnisse in Worte zu fassen. Das Fatale: Scham verstärkt sich durch Schweigen. Sie zieht uns innerlich zurück, schafft Distanz und führt zur Entfremdung – genau dort, wo Nähe und Austausch wichtig wären.
Psychologisch betrachtet bedeutet Nähe: Ich zeige mich dir, auch mit dem Risiko, verletzlich zu sein. Das macht Intimität aus. Sie lebt nicht von perfekter Technik, Quantität, sondern von Vertrauen. Und dieses Vertrauen wächst, wenn wir lernen, Worte zu finden, wo uns bisher Schweigen blockiert hat.
Impulse für Paare
Intimität und Körperlichkeit sind keine Talente, sondern Fertigkeiten, die man sich gemeinsam aneignen kann. Hier einige Tipps:
· Nähe im Alltag kultivieren: Ein sanftes Streicheln im Vorbeigehen, gemeinsames Rumalbern oder ein kurzer Moment echter Aufmerksamkeit – all das ist gelebte Intimität.
· Über Sex reden – aber nicht im Bett. Beim Spaziergang, bei einem Glas Wein fällt es leichter, ohne Druck zu sprechen.
· Neugier statt Perfektion. Sexualität ist kein Marathon, sondern eine endlose Entdeckungsreise. Fehler gibt es nicht – nur gemeinsames Erkunden. Und Lachen darf dabei dazugehören!
Um Scham zu überwinden, braucht es manchmal nur einen Anfang. Hier ein paar Gesprächsöffner:
· Wann fühlst du dich mir emotional nahe und gesehen?
· Wie hast du Sexualität kennengelernt und wann?
· Habe ich einmal etwas gemacht, was dir gar nicht gefiel, oder besonders?
· Welche Berührung magst du besonders (außerhalb von Sex), welche nicht?
Veränderung als Chance
Langfristige Partnerschaften bedeuten nicht, dass Begehren verschwindet. Die anfängliche Euphorie weicht lediglich der Chance auf tiefe Verbundenheit: Hört einander zu, bleibt neugierig auf den Anderen und überwindet die eigene Scham Dinge anzusprechen. Wenn wir partnerschaftliche Lust enttabuisieren, öffnen wir neue Räume. Sie bereichern nicht nur unsere Beziehung, sondern können auch ein Vorbild sein, wie Liebe, Nähe und vertrauensvolle Sexualität in künftigen Generationen gelebt werden kann.
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