Musik
Miles Davis – Der erste Superstar des Jazz
Mai 26
Am 26. Mai wäre der Trompeter Miles Davis 100 geworden. Der runde Geburtstag des wohl faszinierendsten und einflussreichsten Jazzkünstlers überhaupt wird das ganze Jahr über mit neuen Spielfilmen, Büchern, Platten und Konzerten gefeiert. Olaf Neumann sprach mit Musikern, mit denen Davis gearbeitet hat.
Miles Davis gilt als das Genie der modernen Musik. Mit seinem unverkennbaren, gedämpften Ton und seinem Innovationsdrang setzt er über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten neue Maßstäbe im Jazz. Bebop, Cool, Hard Bop, Modaler Jazz, Orchestraler Jazz, Post Bop und Jazzrock tragen seine Handschrift. In den späten 1940ern legt Davis den Grundstein für den Cool Jazz, in den 1950ern gibt er dem Genre mehr Freiheit, ohne formale Grenzen gänzlich zu sprengen. Und in den 1960ern liefert der Trompeter, Flügelhornist, Komponist und Bandleader aus der Kleinstadt Alton im US-Bundesstaat Illinois die Initialzündung für das folgende Jahrzehnt des Jazzrock. An diesem bahnbrechenden, neuen Sound sind neben Davis Ausnahmemusiker wie Herbie Hancock, Chick Corea, George Benson oder John McLaughlin beteiligt. Während er mit „Birth Of The Cool“ (1949)‚ „Kind Of Blue‘ (1959) und ‚Bitches Brew‘ (1969) die bedeutendsten Werke des Genres aufnimmt, ist sein Leben von Rassismus-Erfahrungen, Drogensucht und Schmerzen geprägt.
Am 26. Mai wäre Miles Dewey Davis III. 100 Jahre alt geworden. Kulturinstitutionen, Luxusmarken, Plattenfirmen und viele weitere Akteure auf der ganzen Welt ehren die Stilikone nun als einen der einflussreichsten Künstler in der Geschichte der modernen Musik. In Deutschland ist eine neue Biografie erschienen, verfasst von dem renommierten Musikjournalisten Stefan Hentz. Und mit dem von Mick Jagger koproduzierten Spielfilm ‚Miles & Juliette‘ wird die intensive, aber unglückliche Liebesbeziehung zwischen dem Afroamerikaner Davis und der weißen Chanson-Diva Gréco aus dem Jahr 1949 neu erzählt. Der Brite Damson Idris („F1“) spielt Miles Davis und die Franko-Rumänin Anamaria Vartolemei („Traffic“) die Gréco. Regie führt Bill Poland. Die Musik zu der „wohl schönsten Liebesgeschichte des Jazz“ liefert der preisgekrönte US-Keyboarder Robert Glasper.
Die Labels Sony Legacy, Blue Note Records (Universal Music Group), Rhino (Warner Music Group) und Craft Recordings (Concord), bei denen Miles Davis zu Lebzeiten veröffentlicht hat, wollen im Lauf des Jahres zahlreiche Tonträger herausbringen, darunter neu in Auftrag gegebene symphonische Fassungen seiner Werke wie ‚The Voice of Miles: A Symphonic Celebration‘. Außerdem geht die Miles Electric Band (M.E.B.) von Davis’ Neffen Vincent Wilburn Jr. (68) auf internationale Tournee. Sie tritt unter anderem auf dem Montreux Jazz Festival auf. Der Schlagzeuger und Produzent spielte eine entscheidende Rolle im Spätwerk seines Onkels. Sein sein Live-Projekt vereint von dessen Schaffen zwei prägende Epochen: Die experimentelle Energie der elektrischen Periode ab 1967 einerseits, andererseits widmet sich die Kind Of Blue Acoustic Band dem Klassiker ‚Kind Of Blue‘. Es gilt als das einflussreichste und meistverkaufte Jazzalbum überhaupt. In der Hamburger Elbphilharmonie blicken von Mai bis Juli internationale Stars wie Ambrose Akinmusire, Ravi Coltrane oder Marcus Miller auf das vielschichtige Schaffen von Miles Davis zurück. Sie interpretieren seine Klassiker auf ihre ganz eigene Weise.
Der britische Gitarrist John McLaughlin, dessen Karriere eng mit der von Miles Davis verbunden ist, erinnert sich: „1957 oder `58 das erste Mal Miles Davis zu hören, veränderte mein Leben. Sein Album ‚Miles Ahead‘ mit der Gil Evans Bigband enthielt das Jazz-Fusion-Stück ‚Blues For Pablo‘. Darauf zeigte Miles seine tiefe Liebe für hispanische Musik in der Flamenco-Tradition. Er infizierte John Coltrane, der schließlich ein Album namens ‚Olé‘ aufnahm. ‚Blues For Pablo‘ enthält Elemente aus Blues, Jazz und Flamenco, die ich so sehr liebe. Miles spielt auf dieser Aufnahme sehr gefühlvoll. Und 1958 brachte er ‚Milestones‘ mit John Coltrane und Cannonball Adderley heraus, gefolgt von ‚Kind of Blue‘. Darauf stellte Miles der Welt Bill Evans vor. Für mich die Mona Lisa der Jazzmusik. Von diesem Zeitpunkt an wollte ich nur noch eines: Jazz-Gitarrist werden.“
Heute wird der 83-Jährige McLauglin als einer der weltbesten Jazz- und Rockgitarristen gefeiert. Er gesteht, dass er den 1991 verstorbenen Miles Davis noch immer unverholen verehrt. Er habe ihm auch viel zu verdanken. „In der Zeit, als ich mit Tony Williams spielte, habe ich kaum etwas verdient. Es war hart. Aber Miles lud mich zwei- bis dreimal die Woche zu sich nach Hause ein, wo wir über Musik diskutierten. Er horchte mich regelrecht aus. Ich liebte es, mit ihm zusammen zu sein. Beim Verabschieden steckte er mir immer 100 Dollar in die Tasche, was damals viel Geld war. Er sagte: ‚Sieh zu, dass du etwas isst und deine Miete bezahlst!‘ Es war eine wunderbare Zeit zwischen den Alben ‚In A Silent Way‘ und ‚Bitches Brew‘. Ich war der glücklichste Mensch der Welt. Nach all den Jahren haut mich seine Musik noch immer um.“
Der Penguin Guide to Jazz bezeichnete ‚Bitches Brew‘ als eine der bemerkenswertesten kreativen Arbeiten des letzten halben Jahrhunderts. Welche Erinnerungen hat John McLaughlin an die Produktion des ikonischen Doppelalbums? „Ich hatte nur eine ungefähre Vorstellung davon, wohin er mit der Platte wollte“, memoriert der Gitarrist und Buddhist. „Er spielte ja keine Standardmusik oder die Musik eines anderen, er suchte sich seinen eigenen Klang. Miles wusste nicht sofort, was er für "Bitches Brew" wollte, aber er wusste genau, was er nicht wollte. Ich schlug vor, dass ich ‚Wakachoo-Akkorde‘ spiele (ahmt den schnalzenden Klang nach), wie man es vom Rhythm and Blues und Soul kennt. Also sind wir mit der ganzen Band ins Studio und haben verschiedene Dinge ausprobiert, bis wir den richtigen Groove gefunden hatten. Und dann bekamen wir von Miles sehr schwierige Anweisungen.“
Anstatt etwas hinzuzufügen, nahm Davis lieber etwas weg. Er ließ den Bassisten und den Schlagzeuger ein bisschen weniger spielen, um mehr Platz für den Groove zu schaffen. Miles sei wie ein Bildhauer gewesen, der seine Musiker im Studio formte. „Er hatte eine Art, mit Musikern zu sprechen, die ich seitdem nicht mehr erlebt habe. Er war der große Miles Davis, was soll man sagen! Er stoppte einzelne Musiker mitten in einem Groove, während dieser weiterlief. Nur für dieses Gefühl von Space. Einmal hielt er die Band an und ging hinüber zu Lenny White oder Jack DeJohnette und sagte zu ihm mit heiserer Stimme: ‚Boom. Bomm-ki-boom. Kscht. Okay?‘ (lacht) So sahen seine Instruktionen an einen Drummer aus. Niemand von uns hatte eine Ahnung, wovon Miles sprach - und genau das war der Punkt!“
Der heute 83-jährige Gitarrist George Benson ist dabei, als Miles Davis Anfang 1968 zum ersten Mal elektrische Instrumente benutzt. Er sagt: „Miles war der erste Superstar des Jazz. Niemand innerhalb der Musikindustrie konnte es mit ihm aufnehmen. Er wusste alles über Jazz, seine Offenheit war einzigartig. Es ging ihm niemals ums Geld, er hatte ohnehin genug davon. Miles gab mir den Rat: ‚Ben, wenn du etwas zu bieten hast, was die Leute hören wollen, gib es ihnen! Und zwar laut!‘ Leute wie Paul Chambers, Red Garland und Herbie Hancock waren keine ordinären Musiker. Das waren Genies! Die mussten sich nicht unterordnen, Miles ließ seinen Musikern alle Freiheiten, die im Kontext der Musik möglich waren. Auf diese Weise konnte man unter ihm eine eigene Persönlichkeit entwickeln. Ich wusste, dass ich niemals das spielen würde, was in seinem Kopf vorging. Aber das war ihm egal.“
Auch Latin-Rock-Pionier Carlos Santana (78) hat mit Davis gespielt und mit dessen legendären Sidemen Wayne Shorter, Herbie Hancock, Tony Williams und Ron Carter 1980 das Doppelalbum ‚The Swing Of Delight‘ aufgenommen. „Ich hatte zuerst Todesangst, Mann!“, erinnert der Weltklasse-Gitarrist sich an diese Zeit. „Denn ich habe einen so großen Respekt vor diesen Leuten. Aber bei ihnen fühlte ich mich sofort wie zu Hause, und auch Miles war völlig entspannt. Wenn du aus deinem Herzen heraus spielst, wird es dir gut gehen.“
Als der Saxofonist Kenny Garrett (65) in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre zu Miles Davis stößt, ist er der Jüngste in der Band. Der Trompeter sei für ihn ein Gigant gewesen, schwärmt er. „Er hatte mit John Coltrane und Charlie Parker gespielt! Er besaß einfach unglaublich viel Erfahrung, so wie er wollte ich auch sein. Also ging ich mit ihm auf eine Reise. Miles war ein großartiger Lehrer. Für fünfeinhalb Jahre gab er mir die Chance, so viel Wissen aufzusaugen, wie ich konnte. Die Musik, die wir zusammen gemacht haben, ist immer noch in mir. Und wenn ich auf der Bühne stehe, lasse ich sie raus. Sein Spirit wird stets in mir bleiben.“
Olaf Neumann
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