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Vom Golfplatz in die Subkultur – Die Geschichte der Harrington
Apr 26
Es gibt Kleidungsstücke, die sich modischen Zyklen entziehen. Sie tauchen nicht plötzlich auf, um im nächsten Jahr wieder zu verschwinden, sondern bleiben – leise, beständig, fast unbeeindruckt vom Wechsel der Trends. Die Harrington-Jacke ist ein solches Stück.
Leicht, funktional und mit einer fast beiläufigen Eleganz ausgestattet, hat sie sich über Jahrzehnte hinweg ihren Platz in der Garderobe behauptet – und dabei mehr Geschichten gesammelt, als man ihr auf den ersten Blick zutrauen würde.
Ihre Ursprünge liegen nicht etwa in den Ateliers großer Modehäuser, sondern auf einem verregneten Golfplatz im Manchester der 1930er Jahre. Es ist die Zeit der industriellen Blüte, aber auch eine Zeit, in der das Wetter den Alltag bestimmt. Golfer, die sich bis dahin mit schweren, langen Regenmänteln abmühen mussten, verlangten nach etwas Praktischerem. Die Brüder John und Isaac Miller, Gründer des Unternehmens Baracuta, reagierten auf diese Notwendigkeit mit einer Idee, die sich als erstaunlich langlebig erweisen sollte: eine kürzere, wetterfeste Jacke, die Bewegungsfreiheit ermöglichte. Die G9 war geboren.
Was zunächst als funktionale Sportjacke gedacht war, entwickelte sich schrittweise zu einem Kleidungsstück mit eigenem Charakter. Der Schnitt endete auf Taillenhöhe, die Bündchen saßen eng, der Reißverschluss führte zu einem markanten Stehkragen. Hinzu kamen schräge Pattentaschen und – als vielleicht prägendstes Detail – das Innenfutter im Fraser-Tartan, das seit 1938 zum festen Bestandteil gehört. Es sind diese Elemente, die die Harrington bis heute unverwechselbar machen.
Der Weg vom Golfplatz in die Popkultur verlief dabei weniger geradlinig, als es im Rückblick erscheinen mag. Erst in den 1950er Jahren begann die Jacke, sich über ihren ursprünglichen Zweck hinaus zu etablieren. Entscheidenden Anteil daran hatten nicht Designer, sondern Schauspieler. Als James Dean in „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit einer roten Harrington auftrat, wurde aus der funktionalen Jacke ein Symbol jugendlicher Rebellion. Kurz darauf folgte Elvis Presley, der im Film „King Creole“ das charakteristische Karofutter sichtbar machte – ein Detail, das fortan fast ebenso wichtig war wie der Schnitt selbst.
Den Namen, unter dem sie heute bekannt ist, erhielt die Jacke allerdings erst später – und eher beiläufig. In der amerikanischen Fernsehserie Peyton Place trug die Figur Rodney Harrington, gespielt von Ryan O’Neal, regelmäßig eine G9. Das Publikum übernahm den Namen der Figur, und aus der namenlosen Golfjacke wurde die Harrington.
In den 1960er Jahren fand sie schließlich ihr eigentliches Zuhause: auf den Straßen Großbritanniens. Die Mods, stets auf der Suche nach einem Stil zwischen Eleganz und Nonchalance, erkannten schnell das Potenzial der Jacke. Kombiniert mit schmalen Hosen, Poloshirts und Lederschuhen wurde sie zum festen Bestandteil einer Subkultur, die sich über Musik, Mode und Haltung definierte. Später griffen Skinheads und Punks das Kleidungsstück auf, entkleideten es teilweise seiner ursprünglichen Eleganz und machten es zu einem Ausdruck von Widerstand und Zugehörigkeit.
Dass die Harrington all diese kulturellen Verschiebungen überstehen konnte, liegt nicht zuletzt an ihrer Zurückhaltung. Sie drängt sich nicht auf, sie funktioniert. Ihre klare Form erlaubt unterschiedliche Lesarten: sportlich, elegant, rebellisch. Schauspieler wie Steve McQueen oder Paul Newman trugen sie ebenso selbstverständlich wie Musiker aus der Britpop-Ära oder heutige Stilbewusste, die in ihr weniger ein Statement als vielmehr eine verlässliche Konstante sehen.
Auch im 21. Jahrhundert hat sich daran wenig geändert. Die Harrington ist geblieben, während um sie herum Trends kamen und gingen. Große Marken haben sie interpretiert, variiert, neu aufgelegt – doch ihr Kern ist unangetastet geblieben. Vielleicht ist es genau diese Mischung aus Funktionalität und kultureller Aufladung, die sie so beständig macht.
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