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Warm, rau, zeitlos – der Troyer
Jan 26
Der Winter hat seine eigenen Helden. Einer davon trägt Strick, einen hohen Kragen und keine Logos. Der Troyer wurde nicht für Modenschauen gemacht, sondern für Wind, Kälte und Arbeit. Genau deshalb ist er geblieben – und gerade jetzt wieder gefragt. Zwischen Küste, Großstadt und Designatelier erlebt der Pullover ein leises Comeback: ehrlich, funktional und erstaunlich modern.
Der Troyer ist ein Kleidungsstück, das sich dem schnellen Wechsel der Mode stets entzogen hat. Er gehört zu jenen Textilien, die nicht erfunden wurden, um zu gefallen, sondern um zu funktionieren. Seine Geschichte beginnt nicht auf Laufstegen oder in Ateliers, sondern an Küsten, auf Schiffen und in Werkstätten – dort, wo Kälte, Wind und Feuchtigkeit zum Alltag gehörten.
Der Name „Troyer“ verweist vermutlich auf die französische Stadt Troyes, die im Mittelalter ein bedeutendes Zentrum der Textilherstellung war. Andere Herleitungen sehen den Ursprung im englischen „troy“, einem alten Handels- und Maßbegriff. Gesichert ist vor allem eines: Der Troyer entstand aus der praktischen Notwendigkeit heraus, den Oberkörper zuverlässig zu wärmen und zugleich beweglich zu bleiben. Charakteristisch ist sein hoher Kragen mit Reißverschluss oder Knopfleiste – eine Konstruktion, die es erlaubt, Wärme zu speichern oder bei körperlicher Arbeit schnell abzugeben.
Getragen wurde der Troyer ursprünglich von Seeleuten, Fischern und Arbeitern in Nord- und Ostsee-Regionen. Auch bei der Marine fand er früh Verwendung, später ebenso im Bergbau und in der Industrie. Der Pullover war robust, langlebig und unempfindlich gegenüber Nässe. Gestrickt wurde er meist aus Schurwolle – ein Material, das wärmt, selbst wenn es feucht wird, und dessen natürliche Fettschicht, das Lanolin, vor Wind schützt. In seiner ursprünglichen Form war der Troyer selten modisch gedacht. Er war Arbeitskleidung, Ausdruck von Zweckmäßigkeit und Verlässlichkeit.
Mit der Zeit veränderte sich sein Erscheinungsbild. Feinere Garne, Merinowolle oder Wollmischungen mit Baumwolle oder synthetischen Fasern machten ihn leichter, weicher und alltagstauglicher. Dennoch blieb der Grundcharakter erhalten: ein Kleidungsstück, das Schutz bietet und Substanz ausstrahlt. Spätestens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fand der Troyer seinen Weg aus der Arbeitswelt in den zivilen Alltag. Intellektuelle, Architekten und Künstler entdeckten ihn als Gegenentwurf zur kurzlebigen Mode. Der Troyer wurde zum stillen Statement.
Heute erlebt er eine bemerkenswerte Renaissance. In Zeiten, in denen Nachhaltigkeit, Qualität und Langlebigkeit wieder an Bedeutung gewinnen, passt der Troyer besser denn je. Er steht für Reduktion, für einen bewussten Umgang mit Kleidung. Prominente wie Daniel Craig, der ihn abseits seiner James-Bond-Rolle trägt, oder Steve McQueen, dessen Bilder im schweren Strickpullover ikonisch wurden, haben den Troyer zu einem Symbol maskuliner Zeitlosigkeit gemacht. Auch Designer wie Jil Sander oder Brunello Cucinelli greifen das klassische Modell immer wieder auf – reduziert, hochwertig, ohne Effekthascherei.
Seine besondere Nähe zum Winter ist dabei kein Zufall. Der Troyer ist ein Kleidungsstück für die kalte Jahreszeit, für klare Luft und kurze Tage. Sein hoher Kragen schützt vor Wind, die dichte Strickstruktur speichert Wärme, ohne zu beschweren. Er passt zur Stille des Winters, zu Spaziergängen am Meer ebenso wie zu Abenden in schlecht beheizten Altbauwohnungen. Während andere Modetrends kommen und gehen, bleibt der Troyer verlässlich.
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