Donnerkeil, Hühnergott und vielleicht sogar Bernstein: Wer am Ostseestrand genau hinschaut, kann erstaunliche Fundstücke entdecken. Gerade im Herbst beginnt an der Ostsee die beste Zeit für die Suche.
Manchmal liegt der Schatz einfach zwischen zwei nassen Kieselsteinen. Man muss nur wissen, wonach man sucht. Während im Sommer am Strand vor allem Handtücher und Sandburgen das Bild bestimmen, beginnt mit dem Herbst eine ganz andere Saison. Dann lohnt sich der Blick nach unten. Stürme und kräftiger Wellengang sortieren den Strand neu – und bringen Dinge zum Vorschein, die mitunter Millionen Jahre alt sind.
Direkt am breiten Warnemünder sind die Chancen allerdings überschaubar. Der Strand besteht überwiegend aus feinem Sand und vergleichsweise wenig Steinen. Spannender wird es, wenn man sich von Warnemünde aus nach Westen bewegt. Ab Diedrichshagen und Wilhelmshöhe beginnt der Naturstrand unterhalb der Stoltera. Hier trifft die Ostsee auf eine bis zu 15 Meter hohe Steilküste, und am Ufersaum liegen jede Menge Kiesel und größere Steine. Wer hier einen Stein aufhebt, hält möglicherweise einen ziemlich weit gereisten Gast in der Hand. Die Eiszeiten transportierten gewaltige Mengen Gestein aus Skandinavien in unsere Region. Granit, Feuerstein und andere Geschiebe blieben zurück und wurden von Wasser, Sand und Wellen über Jahrtausende bearbeitet. Besonders beliebt sind die sogenannten Hühnergötter: Feuersteine mit einem natürlich entstandenen Loch. Der Name klingt nach Esoterikabteilung, tatsächlich steckt dahinter Geologie. Einschlüsse und Hohlräume im Feuerstein können im Laufe der Zeit ausgewaschen werden – zurück bleibt der charakteristische Lochstein. Früher wurden ihm allerlei Schutzkräfte zugeschrieben. Heute hängt er meist an einem Band im Fenster, im Garten oder einfach als Ostsee-Souvenir zu Hause. Noch interessanter wird es bei einem länglichen, meist braun- bis honigfarbenen Fundstück, das ein wenig an eine Gewehrkugel oder die Spitze eines Bleistifts erinnert. Das könnte ein Donnerkeil sein. Hinter dem martialischen Namen verbirgt sich das versteinerte Innenskelett eines Belemniten – eines Verwandten heutiger Tintenfische, der vor vielen Millionen Jahren in den Meeren lebte.
Mit deutlich mehr Glück lassen sich auch versteinerte Seeigel oder deren Bruchstücke entdecken. Die gehören schon zur höheren Schule des Strandspaziergangs. Wer nicht weiß, wonach er schaut, läuft an manchem Fossil einfach vorbei. Ein Tipp: Auffällige Strukturen, regelmäßige Muster und ungewöhnliche Oberflächen sind meist interessanter als die Farbe eines Steins.
NACH DEM STURM GEHT ES LOS
Die beste Zeiten für eine ernsthafte Suche sind der Herbst und Winter. Kräftiger Wind und Wellen bewegen Sand und Geröll und legen neue Schichten frei. An der Stoltera arbeitet die Ostsee ohnehin permanent an der Küste. Das bedeutet allerdings nicht, dass man nach einem frischen Abbruch direkt unter der Steilküste herumklettern sollte. Im Gegenteil: Steilküsten können ohne Vorwarnung nachbrechen. Abstand halten, Absperrungen beachten und niemals in frischen Abbruchstellen graben. Die bessere Strategie ist ohnehin gemütlicher: nach einem Sturm bei normalem Wasserstand am Spülsaum entlanglaufen. Interessant sind die Linien aus Tang, kleinen Holzstücken, Muscheln und anderem Material, das die letzte Welle zurückgelassen hat.
Auch Bernstein kann an der Küste rund um Rostock gefunden werden. Garantien gibt es allerdings keine. Bernstein ist kein Stein, sondern fossiles Baumharz – und ausgesprochen leicht. Deshalb wird er häufig gemeinsam mit leichtem Treibgut, Tang und Holzstückchen angeschwemmt. Größer werden die Möglichkeiten Richtung Osten. Eine UV-Lampe kann bei Dunkelheit helfen: Bernstein fluoresziert unter UV-Licht und lässt sich dadurch leichter zwischen anderem Strandmaterial erkennen.
Allerdings gibt es eine wichtige Warnung. An der Ostseeküste kann weißer Phosphor aus alter Munition angespült werden. Er kann Bernstein ähneln und sich beim Trocknen entzünden. Verdächtige Stücke deshalb niemals in die Hosen- oder Jackentasche stecken. Im Zweifel liegen lassen und Polizei beziehungsweise zuständige Behörden informieren.
Bei aller Sammelleidenschaft gilt: Der Strand ist kein kostenloser Baustoffhandel. Einzelne kleine Fundstücke als Urlaubserinnerung sind etwas anderes, als Steine oder Sand in größeren Mengen mitzunehmen. In Schutzgebieten und an Küstenschutzanlagen gelten zudem besondere Regeln. Beschilderungen vor Ort haben immer Vorrang.
Und eigentlich braucht es für die Schatzsuche ohnehin nicht viel. Einen Stoffbeutel, feste Schuhe und Augen, die nicht aufs Handy, sondern auf den Boden gerichtet sind. Dazu ein bisschen Geduld. Vielleicht kommt man nur mit drei schönen Kieseln nach Hause. Vielleicht steckt zwischen ihnen aber auch ein Hühnergott, ein Millionen Jahre alter Donnerkeil oder tatsächlich ein kleines Stück Ostseegold.
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BERNSTEIN
Gelb, honigfarben, orange oder bräunlich – manchmal fast durchsichtig, manchmal milchig. Bernstein ist auffallend leicht und fühlt sich weniger kalt an als ein Stein. Besonders gute Chancen bestehen nach stürmischem Wetter zwischen Tang, Holz und anderem leichten Treibgut. Eine UV-Lampe kann bei der Suche helfen. Achtung: Bernsteinähnliche Stücke nicht einfach einstecken – weißer Phosphor aus Munitionsresten kann ähnlich aussehen und sich beim Trocknen entzünden.
DONNERKEIL
Länglich, spitz zulaufend und häufig braun, grau oder honigfarben. Donnerkeile sind versteinerte Teile von Belemniten, ausgestorbenen Verwandten heutiger Tintenfische. Sie können viele Millionen Jahre alt sein. Nach kräftigem Wellengang lohnt sich die Suche besonders an kiesreichen Strandabschnitten.
HÜHNERGOTT
Eigentlich ein Feuerstein – allerdings mit einem natürlich entstandenen Loch. Gerade dieses Loch macht ihn zum begehrten Strandfund. Früher galt der Hühnergott als Glücksbringer und Schutz vor bösen Geistern. Heute dürfte er zu den beliebtesten Ostsee-Mitbringseln überhaupt gehören.
VERSTEINERTER SEEIGEL
Ein Fund für Fortgeschrittene. Fossile Seeigel können rundlich oder abgeflacht sein und besitzen häufig ein auffälliges stern- oder blütenförmiges Muster. Auch Bruchstücke sind interessant. Wer einen entdeckt, hält unter Umständen ein Fossil aus der Kreidezeit in der Hand.