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Magazin

Der Beton-Flüsterer

Der Beton-Flüsterer

Sep 26

Wie baut man eigentlich heimlich eine komplette Radrennbahn? Kurt Welke hat in Rostock genau das gewagt und aus einem geduldeten "Schwarzbau" eine Kaderschmiede für spätere Rad-Weltstars geformt. Mit bloßen Händen und pedantischer Perfektion zog der Landschaftsbauer damals die steilen Betonkurven am Damerower Weg glatt. Pünktlich zum 40-jährigen Jubiläum wird die versteckte Piste nun offiziell zum Denkmal erhoben. Wir haben den Mann besucht, der dem Rostocker Radsport buchstäblich sein Fundament goss.

 

Ein wenig ehrfürchtig betreten wir den heiligen Hinterhof, seinen vielleicht wahren Stolz: den Garten. Naturpool, wunderschöne Pflanzen, tolles Arrangement – das Chi fließt hier in Sturzbächen, dazu ein Bierchen, so machen die Interviews doch Spaß! Dass er die Pflanzen sogar mit lateinischen Namen kennt, betont er gern – immerhin ist der Garten- und Landschaftsbau über Dekaden sein Broterwerb gewesen, er hatte seine eigene Firma (die nun vom Sohnemann fortgeführt wird) und war als erster Ossi im Vorstand des Bundesverbands der Garten- und Landschaftsbauer. Schon zu DDR-Zeiten konnte er – der Mangelwirtschaft zum Trotz – immer das eine oder andere organisieren und spannte sein Netzwerk, um Dinge möglich zu machen. Schnell hatte sich Kurt Welke einen Ruf als zuverlässiger Partner in diesem Metier erarbeitet, was schließlich auch die Basis für jenen Zufallsmoment bildete, der Rostock letztlich seine Radrennbahn schenkte.

 

Peter Sager, den er über das Radsporttraining seines Sohnes kennengelernt hatte, war als Juwelen-Lieferant in Schwierigkeiten. Immer wieder galt es bei den Sichtungen in Berlin, das eine oder andere Talent aus Rostock zu platzieren, und ständig flogen vielversprechende junge Sportler durchs Raster – vor allem, weil sie in einer Disziplin sehr schlecht abgeschnitten hatten: dem Fahren auf der Bahn. Zu groß war die Angst vor den Überhöhungen in der Kurve, zu unbekannt dieses Verhalten von Rädern mit starrem Gang. Doch Peter Sager gab sich nicht zufrieden, und sein Kumpel Kurt war schließlich seine Lösung: "Kannst du mir eine Bahn bauen?", soll er ihn einmal genauso gefragt haben. Und Kurt sagte nur: "Besorg du nur das Geld, den Rest mache ich." Gesagt, getan – wobei es sich immer leichter sagt, als es in der Realität umzusetzen ist: Ganze vier Jahre vergingen, bis dann endlich im Jahr 1986 die ersehnte Radrennbahn im Damerower Weg mit ihren Beton-Kurven stand.

 

Den finalen Impuls gab unter anderem das Betonspritzverfahren von Ulrich Müther (Teepott in Warnemünde, Mehrzweckhalle in Lütten Klein und viele weitere Bauten im Raum der DDR). Im Nachgang tut sich Kurt Welke allerdings schwer damit, dass sich Müther selbst einmal als Erbauer der Radrennbahn bezeichnet hat. Dabei war es Kurt, der – in seiner Freizeit, wohlgemerkt – nach dem Feierabend die frisch gespritzten Beton-Abschnitte liebevoll mit der Hand glattgezogen und extra eine Konstruktion auf Rollen mit einem sechs Meter langen Stahlträger gebaut hat, um auch wirklich zu 100 Prozent keine Unebenheiten und Wellen zu produzieren. Fast schon ein wenig pedantisch hatte man sogar mit Gegenlicht gearbeitet, um auch den letzten Makel zu beseitigen. Und das Resultat gab ihm recht: "Viele Radsportler, die auch auf internationalen Bahnen gefahren sind, haben der Bahn immer eine sehr gute Fahrbarkeit attestiert", sagt Kurt Welke, nicht ohne auch ein klein wenig stolz darauf zu sein. Und so wurde aus diesem Schwarzbau (man kann es so sagen, weil die Baugenehmigung nie vorlag), welcher auch vom damaligen Oberbürgermeister Henning Schleiff mindestens geduldet wurde, die neue Trainingsstätte für den Rostocker Radsportnachwuchs. Der Rest ist Geschichte: André Greipel und Jan Ullrich haben hier ihre ersten Runden gedreht – Namen, die Jahre später an der Spitze des internationalen Radsports angekommen sind.

 

Und das Fundament – zumindest ein Teil davon – bildete diese fast schon ein wenig versteckte Bahn im Damerower Weg. Diese soll nun als Denkmal "eingeweiht" und sogar getauft werden. Ob Kurt Welke hier mit seinem Namen noch einmal verewigt wird, konnte bis zum Redaktionsschluss noch nicht final bestätigt werden. Am 13. September soll zum "Tag des offenen Denkmals" die offizielle Enthüllung der Denkmalschutzplakette stattfinden und damit auch das 40-jährige Bestehen der Bahn gefeiert werden.

 

Damit hat die Radrennbahn einen wichtigen Schritt für ihren zukünftigen Erhalt gemacht – denn lange Zeit war nicht so richtig klar, wie auch sportlich mit diesem Bauwerk weitergeplant werden soll. Das Infield ist mittlerweile für die Short-Tracker (zumindest im Sommer) ebenfalls zur Trainingsstätte ausgebaut worden. Aber: Der Landesradsportverband hat nach Jahren der Konzeption den Bau einer neuen Bahn am Stützpunkt in Schwerin so weit vorangetrieben, dass die Zukunft der Bahn in Rostock nach deren Fertigstellung auf wackligen Beinen stand. Mit dem Denkmal-Status ist nun erst einmal ein sicheres Netz gespannt worden. Ein ordentliches Nutzungskonzept inklusive alternativer Veranstaltungen braucht es dennoch. "Die Bahn muss mit Leben gefüllt werden" – das wünscht sich auch Kurt Welke. Nicht nur sportlich muss sie ihren Weg finden, um bei den Menschen in der Stadt "anzukommen".


Paul Fleischer

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