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Ein Monat ohne Promille
Jan 26
Der Januar gilt als Monat der guten Vorsätze. Kaum sind die letzten Sektgläser der Silvesternacht gespült, beginnt für viele Menschen eine Phase der Selbstprüfung: weniger Zucker, mehr Bewegung – und für manche der komplette Verzicht auf Alkohol. „Dry January“ heißt diese inzwischen international etablierte Idee, die weit mehr ist als ein kurzfristiger Fitness-Trend.
Entstanden ist der Dry January 2013 in Großbritannien. Die Organisation Alcohol Change UK rief damals erstmals dazu auf, den gesamten Januar über keinen Alkohol zu trinken. Der Anlass war denkbar pragmatisch: Nach den feuchtfröhlichen Feiertagen wollte man auf die gesundheitlichen Risiken regelmäßigen Alkoholkonsums aufmerksam machen – ohne moralischen Zeigefinger, sondern mit einem klar begrenzten, machbaren Experiment. Ein Monat, so das Versprechen, reiche aus, um die eigene Beziehung zum Alkohol zu hinterfragen. Die Resonanz überraschte selbst die Initiatoren: Aus einigen Tausend Teilnehmenden wurden innerhalb weniger Jahre Millionen.
Heute ist der Dry January ein globales Phänomen. In sozialen Netzwerken teilen Menschen ihre Erfahrungen, Apps zählen alkoholfreie Tage, Bars bieten „Mocktails“ an, Supermärkte werben mit entalkoholisiertem Wein. Was einst als stille Gesundheitskampagne begann, ist Teil einer neuen Nüchternheitskultur geworden – zumindest auf Zeit.
Dabei geht es längst nicht mehr nur um Leberwerte oder eingesparte Kalorien. Studien zeigen, dass viele Teilnehmende besser schlafen, sich konzentrierter fühlen und auch im Februar bewusster trinken als zuvor. Der temporäre Verzicht wirkt wie ein Reset-Knopf: Wer einmal erlebt hat, dass ein Treffen mit Freunden auch ohne Alkohol funktioniert, stellt alte Gewohnheiten infrage. Muss es wirklich jedes Glas sein? Oder nur aus Routine?
Gleichzeitig ist der Dry January kein Selbstläufer. Der soziale Druck ist real. In einem Land, in dem Alkohol tief in Alltagsrituale eingebettet ist – das Feierabendbier, der Wein zum Essen, der Sekt bei jeder Gelegenheit –, kann der Verzicht erklärungsbedürftig wirken. Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen: den Dry January nicht als Verzicht, sondern als bewusste Entscheidung zu kommunizieren.
Für die Umsetzung helfen einige einfache Strategien. Wer sich klare Ziele setzt – besserer Schlaf, mehr Energie, Geld sparen – hält eher durch als jemand, der „einfach mal nichts trinken“ will. Auch Ersatz spielt eine Rolle: Alkoholfreie Alternativen sind heute vielfältiger denn je, von gut gemachten Mocktails bis zu alkoholfreiem Bier, das geschmacklich kaum noch an Verzicht erinnert. Wichtig ist zudem, Routinen zu verändern. Wer sonst abends automatisch zum Glas greift, kann diese Zeit bewusst anders füllen: ein Spaziergang, ein Buch, ein früherer Schlaf. Nicht zuletzt hilft Gemeinschaft. Ob im Freundeskreis, im Büro oder digital – gemeinsam durchzuhalten macht den Monat leichter. Viele berichten sogar von einem unerwarteten Nebeneffekt: Gespräche werden klarer, Abende bewusster, der Januar verliert seinen Ruf als grauer Durchgangsmonat.
Der Dry January ist kein Allheilmittel und kein moralischer Maßstab. Niemand muss abstinent leben, um gesund zu sein. Aber als zeitlich begrenztes Experiment bietet er eine seltene Gelegenheit zur Selbstbeobachtung in einer Gesellschaft, die Alkohol oft als selbstverständlich hinnimmt. Vielleicht liegt genau darin sein Erfolg: Er verlangt nicht den radikalen Bruch, sondern nur einen Monat Aufmerksamkeit. Und manchmal reicht das, um mehr zu verändern, als man zu Beginn des Jahres erwartet hätte.
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