Wie ich lernte der Stadt den Rücken zu kehren
Das Leben auf dem Land hat vieles, aber vor allem: Ist da immer auch dieser vorurteilsbehaftete Blick der Stadtmenschen. Der ewige Kampf zwischen Zentrum und Peripherie, um die Deutungshoheit des jeweils besseren Lebensentwurfs. In dieses Spannungsfeld sind wir (meine Familie und ich) nun selbst hinein geraten. Und mit dieser kleinen Serie soll der Versuch gewagt werden, die Tiefen und die Untiefen des Lebens auf dem Land zu vermessen und der Frage nachzugehen: Worin liegt diese neuerliche Faszination für das Leben im Hinterland? Und: Wie kann die Transformation vom Stadtmensch zum Dorfie gelingen?
Teil 4: Warum ist hier eigentlich alles blau?
Zugegeben, das eine oder andere Vorurteil stimmt. Das Mecklenburger Landvolk hat seine Herausforderungen: Strukturschwäche, schlecht bezahlte Arbeit, dürftige Anbindungen. In wenigen Disziplinen liegt Mecklenburg-Vorpommern bundesweit vorn. Bei der Alkoholabhängigkeit allerdings schon: Laut Landesregierung leben hier knapp 40.000 Betroffene. Mit 2,35 Prozent der Bevölkerung ist das der höchste Anteil aller Bundesländer; das Risiko liegt 56 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Eine Spitzenposition, auf die man besser nicht anstößt.
Auch im Alltag schwingt das Thema mit. Beim kurzen Plausch mit dem Nachbarn kommt man kaum um das obligatorische Bier herum. Der eine oder andere Gesprächsatem verrät, dass das Gegenüber schon einen gewissen Vorsprung hat, eine lange Nacht hinter sich oder beides. Daran musste ich mich gewöhnen.
Angebotene Biere schlage ich meist aus, und zu Hause habe ich fast nur Alkoholfreies. Das senkt die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem kurzen Besuch eine abendfüllende Trinkrunde wird. Eigenartig finde ich diese Mischung aus, nennen wir es, „Betäubung" und Gesprächen über Gott und die Welt. Gegen Letztere habe ich nichts. Ich sitze selbst gern mit Menschen zusammen und trinke auch mal ein Bier. Nur nicht zwingend am Dienstag oder Mittwoch. Das Bergfest zählt hier allerdings zu den Heiligtümern und will entsprechend begossen werden.
Ich bleibe lieber klar. Nicht nur wegen der Kinder, sondern auch wegen der Verschiebungen, die zunehmender Konsum mit sich bringt. Ich möchte Herr meiner Sinne bleiben und nicht schnapsgesteuert der Einfachheit mancher Welturteile auf den Leim gehen. Was im Rausch wie Erkenntnis erscheint, ist oft bloß ein weichgezeichnetes Problem. In Bayern ist Bier Teil einer gepflegten Kultur; hier ist es mitunter sozialer Klebstoff, Anlass für einen Nachbarschaftsbesuch oder schlicht ein Mittel, die Beschissenheit der Dinge für ein paar Stunden zu verdrängen. Prost!
Ob es wirklich so beschissen ist, sei dahingestellt. Ich habe in meinen Jahren hier schließlich gelernt: Eigentlich ist es hier ziemlich schön! Über manches Unperfekte ließe sich gut hinwegsehen. Der Mecklenburger tut sich damit allerdings schwer. Das merkt man, wenn die Verwandtschaft aus dem Rheinland zu Besuch kommt. Echte Frohnaturen, die wenig erschüttern kann. Daneben wirkt der gewöhnliche Mecklenburger bisweilen wie die mürrische Ausgabe des Grüffelos.
Das Gemecker ist hier weniger gelegentliche Unmutsäußerung als Volkssport. Irgendetwas findet sich immer. Mit Bier und Schnaps ergibt sich daraus eine verlässliche Grundlage nachbarschaftlicher Begegnungen: Man ist sich schnell einig, dass früher vieles besser war und heute fast alles schlechter ist. Für diese Erkenntnis muss man immerhin nichts ändern. Komische Rituale. Aber immerhin Rituale?
Vielleicht liegt darin ein Unterschied zwischen Stadt und Hinterland: Hier ist der Ton rauer, sind manche Zumutungen unmittelbarer. Ein freier Blick über die Felder macht schwere Schicksale nicht leichter. Während man in der Stadt am Wochenende die neuesten Trends jagt, wird hier Holz gemacht, eine Ente geschlachtet oder das Beet mit Brennnesseljauche gedüngt. Glaubt mir: Nichts, wirklich nichts, stinkt furchtbarer und nachhaltiger.
Das Leben besteht eben nicht nur aus schönen Aussichten, sondern auch aus Arbeit, Verpflichtungen, knappen Kassen und kaputten Dingen. Und all die Mühe braucht eine Belohnung. Die ist hier, vermutlich seit den ersten Trinkversuchen an der Bushaltestelle, eng mit dem gemeinsamen „einen Heben“ verbunden. Vielleicht ist das der kleinste gemeinsame Nenner: Man muss sich nicht gut verstehen, um miteinander zu trinken. Nicht einmal einer Meinung sein. Es reicht, sich nebeneinanderzusetzen und das nächste Bier zu öffnen. Bis einer nicht mitmacht.
Da zeigt sich wieder der Alien-Status: Ich bin eben der Städter, der aufs Land gezogen ist, und werde in dieser Hinsicht vielleicht nie ganz dazugehören. Wer nach alkoholfreiem Bier fragt, kassiert bisweilen Blicke, die andernorts einem gründlich misslungenen Lebensentwurf gelten. Als sei das Alkoholfreie der sichere Beleg für eine gewisse Kurzschwänzigkeit. Eine bemerkenswerte Diagnose für eine Getränkewahl. Dabei will ich niemandem das Bier madigmachen. Jeder soll trinken, was er möchte. Ich frage mich nur, warum sich ausgerechnet derjenige rechtfertigen muss, der es nicht tut.
Vielleicht ist das die eigentliche Eigenart dieses Rituals: Es verbindet, solange alle mitmachen. Wer ausschert, stört die Ordnung. Und während man gemeinsam über die Beschissenheit der Welt klagt, sollte man besser nicht über deren Ursachen sprechen. Schon gar nicht politisch. Mit liberalen Ansichten eckt man hier bisweilen ähnlich an wie mit der Bestellung eines alkoholfreien Biers. Dann vielleicht doch lieber ein Bier - was soll schon passieren? Eine Frage, die sich vermutlich jeder schon gestellt hat. Das Problem ist nur, dass wir sie so selten nüchtern beantworten.
Hinterländliche Grüße!
Paul
Paul Fleischer
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