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Hinterland Notes

Wie ich lernte der Stadt den Rücken zu kehren

Wie ich lernte der Stadt den Rücken zu kehren

Sep 26

Das Leben auf dem Land hat vieles, aber vor allem: Ist da immer auch dieser vorurteilsbehaftete Blick der Stadtmenschen. Der ewige Kampf zwischen Zentrum und Peripherie, um die Deutungshoheit des jeweils besseren Lebensentwurfs. In dieses Spannungsfeld sind wir (meine Familie und ich) nun selbst hinein geraten. Und mit dieser kleinen Serie soll der Versuch gewagt werden, die Tiefen und die Untiefen des Lebens auf dem Land zu vermessen und der Frage nachzugehen: Worin liegt diese neuerliche Faszination für das Leben im Hinterland? Und: Wie kann die Transformation vom Stadtmensch zum Dorfie gelingen?

 

„Man muss das Fremde lieben lernen, um das Eigene zu verstehen.“

(Wilhelm von Humboldt)

 

Teil 2 - Fremd im eigenen Land / Auf der Suche nach Anhang

Man sagt dem Mecklenburger ja eine Menge nach – Herzlichkeit und Redseligkeit sind es in jedem Fall nicht – und so muss man sich klarmachen: Wer aufs Land zieht, hat zunächst einen Alien-Status. Alle gucken auf dich, und so richtig auf dich zu kommt keiner.

Ich habe lange darüber nachgedacht, warum das so ist (manchmal frage ich mich das heute noch). Am Ende gibt es nie nur einen Grund, aber der Ostdeutsche und damit auch der Mecklenburger hat viele Risse in seiner soziologischen Biografie. Nach der Wende kamen die Fremden (Wessis) und kauften ihnen das Land und die Betriebe weg. Nach dem 2. Weltkrieg war die Region, nicht nur bedingt durch die Kriegsfolgen, am Boden – auch knapp eine Million Vertriebene aus den Ostgebieten machten das Leben hier zusätzlich kompliziert. Mit damals 44 % Anteil an der Gesamtbevölkerung und all den wirtschaftlichen Nöten war es nur eine natürliche Folge der Selbsterhaltung, dass die Kriminalität in der Zeit massiv anstieg. All das hört man auch immer ein wenig durch in den Geschichten von damals, und dann ist es auch klar, wenn da „der Neue“ kommt, dass man erstmal gegen eine Mauer der Zurückhaltung prallt.

Die obligatorische Vorstellungsrunde im Dorf haben wir nicht gemacht, auch keine kleine „Schön-dass-wir-da-sind“-Grillerei (im Nachgang würde ich es jedem empfehlen). Das Leben hat uns mit all seiner Wucht verschlungen: Neues Haus, neues Kind (nur 9 Tage nach dem Einzug, zu Hause geboren – der erste echte Dorfie in der Familie) – da bleibt wenig Zeit für das perfekte Kontaktmanagement. Aber: Es gibt einen Schlüssel, um in Kontakt mit anderen zu kommen. Die Kinder. Wenn man im Sackgassendorf unseren 5-jährigen Sohn ohne Furcht einfach (wie früher üblich) mit dem Fahrrad herumfahren lassen kann, dann bringt dieser auch schnell die ersten Geschichten von den neuen Nachbarn mit nach Hause. Und so war es unser kleiner Außenminister, der uns dabei geholfen hat, die ersten Namen der Nachbarn (auch all ihrer Haustiere) kennenzulernen, bevor wir überhaupt die Personen kennengelernt haben. Beim ersten zufälligen Aufeinandertreffen im Dorf hatten wir dann direkt einen Anknüpfungspunkt oder ein Thema. Aus Zurückhaltung kann dann schnell auch Aufgeschlossenheit werden.

Grundsätzlich zählt die Familie viel hier bei uns auf dem Dorf. Über Generationen hinweg wurden die Besitztümer und Ländereien verwaltet, im besten Fall auch ausgebaut. Und je länger man da ist, umso mehr versteht man die zwischenmenschlichen Verstrickungen, die zum Teil über Dekaden gewachsen sind: alte Kindergartenfreundschaften, viel historisches Hintergrundwissen von den Alten und fast schon clanähnliche Strukturen bei Familien, denen mehrere Häuser gehören. Doch bis sich dieser Vorhang lüftet, braucht es vor allem: Zeit! Und es ist ein bisschen wie bei Marteria („Ich spring von Level zu Level“): Manchmal kann man irgendwo helfen, manchmal hilft ein gemeinsamer Abend am Feuer. Wichtig ist immer: dabei sein, mitmachen, Hilfe anbieten. Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit bedeuten dem Mecklenburger was! Weniger schnacken, mehr machen. Dann klappt's auch mit dem Nachbarn.

Aber Schnacken hilft natürlich auch ein bisschen und ich bin immer wieder dankbar, denn das fällt mir zum Glück leicht. Es muss Richtung Herbst gewesen sein, als das neuerliche Versorgungsthema für den Winter (Kaminholz) wegen der eskalierenden Heizölpreise (noch so 'n neues Thema) omnipräsent wurde. Wo bekommen die lieben Nachbarn nur alle ihr ganzes Holz her? Es sah bisweilen so aus, als würden sich da einige für den Untergang des Abendlandes eindecken (Angst vor Weltuntergang + Angst vorm Erfrieren = Holzangst). Als ich also einmal den Lütten (unseren Außenminister) von der Kinderfeuerwehr abgeholt habe (übrigens auch ein Pro-Tipp, um die Kids sozial einzugliedern), sah ich einen Mann im Wald herumwerkeln und sagte zu meinem Sohn: „Den sprechen wir jetzt an und fragen, wo der sein Holz herbekommt!“. Gesagt, getan! Dieser Mann ist heute – vier Jahre später – einer meiner besten und wichtigsten Kontakte hier auf dem Land geworden. Denn es stellte sich heraus, dass er nicht nur Unmengen an Holz hat, sondern auch: Honig, Wildfleisch, ein Sägewerk, ein paar Wiesen und unendlich viele spannende Geschichten. Und all das wäre an uns vorbeigegangen, wenn ich nicht den Schneid gehabt hätte, einfach mal auf einen Fremden zuzugehen.

 

Hinterländliche Grüße!

 

 

Paul


Paul Fleischer

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