Das Leben auf dem Land hat vieles, aber vor allem: Ist da immer auch dieser vorurteilsbehaftete Blick der Stadtmenschen. Der ewige Kampf zwischen Zentrum und Peripherie, um die Deutungshoheit des jeweils besseren Lebensentwurfs. In dieses Spannungsfeld sind wir (meine Familie und ich) nun selbst hinein geraten. Und mit dieser kleinen Serie soll der Versuch gewagt werden, die Tiefen und die Untiefen des Lebens auf dem Land zu vermessen und der Frage nachzugehen: Worin liegt diese neuerliche Faszination für das Leben im Hinterland? Und: Wie kann die Transformation vom Stadtmensch zum Dorfie gelingen?
Teil 1 – Der Anfang
Es ist schon ein Ungetüm, so ein „gebrauchtes“ Haus. Eine irre Ansammlung an Stein, Holz, Kabel, Spachtelmasse, vielfältig Unbekanntem – zu Mangelzeiten illegal Verbautem. Immer wieder überraschend in seiner Anatomie (Wo sind die Leitungen? Wo sind die Kabel?) – und am Anfang: Irgendwie fremd. Erst einmal den Geruch der Vorbesitzer übertünchen und das neue Zuhause übernehmen. Gar nicht so einfach. Es war ein langer Weg bis dahin. Erstmal nur Entscheidungen treffen: Wohin wollen wir? Wie weit weg von der Stadt? Wie groß kann der Spagat sein, ohne dass man im täglichen Fahrzeitaufwand das Leben nur noch an sich vorbeirauschen sieht? Ein Aspekt wog dabei wirklich schwer – etwas, was wir auch in unserer Pro- und Contra-Liste als echten Luxus verbucht haben: Mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können. Die tägliche kleine Prise Aktivität, die dich den Sesselpupser-Job ein paar Jahre länger ohne körperliche Beschwerden überleben lässt. Das tägliche Wachwerden mit Wind um die Nase, das tägliche Anti-Stress-Radeln nach dem Feierabend. Doch neben diesem Alltags-Luxus braucht es eben noch etwas Essenzielleres: Ausreichend Wohnraum.
Also gehen wir noch mal einen Schritt zurück: Warum eigentlich aufs Land, wenn die Stadt doch auch mit vielerlei Vorzügen glänzen kann? In unserem Fall: K4 war unterwegs. Auf 64 Quadratmetern mit jetzt schon drei Kindern zu leben, war gerade so machbar, eigentlich aber grenzwertig. Ganze vier Jahre waren wir schon auf Warte- und Suchlisten der hiesigen Wohnungsunternehmen. Aber solange man niemanden kennt – ihr kennt das ja. Und so standen wir 2021 mit der Gewissheit da: Neuer Wohnraum muss her!
Vierraumwohnungen in Stadtnähe sind in Rostock absolute Mangelware. Einige Familien mieten aus der Not heraus sogar mehrere Wohnungen innerhalb eines Mietshauses an! So weit sind wir also schon. Oder sie haben das nötige Kleingeld für ein Haus im Speckgürtel von Rostock. Überteuerte Stadtwohnung, im Glücksfall mit Hausgarten? Oder wirklich dieses utopische Haus, weit draußen auf dem Land? Für uns war die Entscheidung am Ende schnell klar. Vielleicht waren es ein wenig zu viele „Landgeschichten“ im NDR, oder der erste eigene kleine Garten im Hinterhof unserer Wohnung im Komponistenviertel. In jedem Fall war da immer dieser spürbare Sog in die Natur, ihre Flora und Fauna, ihre Früchte, die wir schon immer verarbeitet haben, und die Liebe für die Ruhe, die von ihr ausgeht.
Hättet ihr mich mit 20 gefragt, ob ich mir jemals ein Haus leisten können würde – ich hätte nur gelacht. Aber irgendwie waren wir – meine Herzallerliebste und ich – in unserer finanziellen Prime und die Bank hatte keine Vorbehalte. Also: Kreditrahmen kalkuliert und dann ab auf die Suche. Und dann sucht man, vergleicht und stellt fest: Wir haben ja eigentlich keine Ahnung von Häusern. Worauf ist zu achten, was sind die Fallstricke? Eigentlich hätten wir alles gekauft, vieles ist dann über Makler-interne Bieterverfahren aus unserer Kalkulation gehüpft. Am Ende auch gut so. Und dann war es eine Mail (von einem der unzähligen Makler), die wir fast übersehen hätten. Das war es dann – hatte sich gleich irgendwie gut angefühlt: Platz (drinnen und draußen), 30 Minuten von Rostock, gut angebunden. Mehr brauchten und wollten wir nicht. Ein altes Gesindehaus, gebaut um 1900 in einem Sackgassendorf mit vielleicht 30 Wohnhäusern. Überschaubar, idyllisch, kilometerlanger, menschenleerer Blick Richtung Süden. Aber das soll hier kein Werbeprospekt werden.
Denn nach der blauäugigen Ankaufsphase (die es bei einem Hauserwerb auch braucht, denn würde man alle möglichen Fallstricke, Contras und Horrorszenarien kennen, würde man so ein Projekt aus Angst gar nicht erst angehen) kommt die harte Realität: Umzug (mit einem irren Hausstand und hochschwanger), neue Tagesabläufe, neue Routinen, neue Orte für quasi alles, neue Themen, neue Ausgaben, neue Probleme. Alles neu macht im Kopf dann vor allem: Aua! Ein Hoch auf die neuronale Plastizität, aber wenn man das Gehirn auch wie einen Muskel begreift, bedeutet das auch: Muskelkater, alias Kopfschmerzen. Und vielleicht auch ein wenig Angst. Denn wenn die ersten Frühjahrsstürme über das Land fegen und unzählige Bäume entwurzeln, das alte Dach in den Böen knarzt und die Hausversicherung noch nicht unterschrieben ist – dann kann man verstehen, warum Menschen anfangen zu beten.
Am Ende aber: Alles gut gegangen und gut angekommen. Im Haus, im Dorf – im neuen Leben. Und es dauert nicht lange, bis man merkt, dass sich etwas in dir verändert. Die neuen Themen verschieben die Schwerpunkte und die Sichtweisen. Neue Prioritäten führen zu neuen Abläufen. Wie lange dauert es, bis das Dorf dich verschluckt und der Stadt-Mensch verschwindet? Spoiler: Es geht schneller, als man denkt. Auch wenn die eine Arschbacke beruflich noch in der Stadt hängt, werden manche Themen herrlich bedeutungslos: Screen-Time für die Kids? Lass sie im Dorf oder im Garten spielen bis zum Abendessen! Die neueste Mode oder die hippsten Sneaker? Gummistiefel sind die Haute Couture des Landvolks! Natürliche Ressourcen bekommen einen ungeahnten Stellenwert und triggern wunderliche Sammel-Marotten: Es gibt nie genug Regenwasser (für die Beete oder neu gepflanzten Bäume) oder Holz (für den Kamin im Winter)!
Genau diese Banalitäten des Alltags sind am Ende Balsam für die Seele in dieser sich immer schneller drehenden Welt – und hier liegt vielleicht die erste Erkenntnis: Das Hinterland dient als Rückzugsort, als Gegenentwurf zu einer menschengemachten Wirklichkeit, die viele heutzutage anzweifeln (Ressourcenverschwendung, Kapitalismus und Klimakrise als Faktoren oder deren Folgen). Das Leben auf dem Land ist wie der Mute-Knopf, der all den Krach da draußen verstummen lässt, was nicht heißt, dass er nicht immer noch da ist. Aber Ruhe – oder besser: Frieden – ist auch ein Luxus.
Hinterländliche Grüße!
Paul
Paul Fleischer
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