Das Leben auf dem Land hat vieles, aber vor allem: ist da immer auch dieser vorurteilsbehaftete Blick der Stadtmenschen. Der ewige Kampf zwischen Zentrum und Peripherie um die Deutungshoheit des jeweils besseren Lebensentwurfs. In dieses Spannungsfeld sind wir (meine Familie und ich) nun selbst hineingeraten. Und mit dieser kleinen Serie soll der Versuch gewagt werden, die Tiefen und die Untiefen des Lebens auf dem Land zu vermessen und der Frage nachzugehen: Worin liegt diese neuerliche Faszination für das Leben im Hinterland? Und: Wie kann die Transformation vom Stadtmenschen zum Dorfie gelingen?
Teil 3 – Kulturgeschichtliche Schizophrenie: Wie wir Rituale importieren und die eigenen vergessen
Alle Jahre wieder kommt man im Herbst an den Punkt: Machen wir eigentlich was zu Halloween? In der Stadt sind wir mit den Kids herumgezogen, hatten Spaß am Verkleiden, und die Kleinen waren selig über die geschenkten Süßigkeiten. Und auch hier auf dem Lande ist die Halloween-Tradition groß. Manch einer nimmt das ernster als die Weihnachtsdeko. Und selbst die ist inzwischen mancherorts ein echter Deko-Exzess.
Dabei ist das Umherziehen im Dunkeln von Nachbarstür zu Nachbarstür auf dem Lande, wo sich jeder kennt, noch einmal ein ganz eigener Spaß. Im Sinne der Nachbarschaft und des Sich-gegenseitig-Kennenlernens haben wir deshalb auch schon einmal zu einem Halloween-Fest auf unserem Hof eingeladen. Und die Mechanismen waren bei den Kids und den Erwachsenen fast gleich: Während sich die Kleinen auf das Süße stürzen, stürzen die Großen die Kurzen. Und ab zur nächsten Tür. Immer weiter, immer heiter.
Halloween steht dabei ziemlich exemplarisch für unseren modernen Umgang mit Ritualen: Wir importieren sie, schmücken sie aus und machen sie uns zu eigen, ohne uns allzu viele Gedanken darüber zu machen, was wir da eigentlich feiern. Adipositasfördernder und zahnschmelzzerstörender Zucker wird in einer Art zelebriert, die einem Exzess gleicht und die Süßigkeitenvorräte der Kids bis weit ins nächste Jahr auffüllt. Immerhin etwas Nachhaltiges.
Und überhaupt: In einer Zeit, in der wir ohnehin viel zu angstgetrieben sind – Angst vor sozialem Abstieg, Angst vor dem Neuen, Angst vor dem Fremden, Angst vor dem Morgen –, feiern wir ein Fest der Angst und bringen schon den Kleinen bei, sich möglichst gut und gemeinsam vor einem diffusen, unbestimmbaren Unbekannten zu fürchten.
Welch traurige Metapher das doch eigentlich ist.
Dabei geht es mir gar nicht darum, Halloween abzuschaffen. Im Gegenteil: Kinder verkleiden sich, Nachbarn kommen miteinander ins Gespräch, Erwachsene trinken vielleicht ein Bier zu viel, und am Ende ist der Abend für alle ein bisschen lustiger als der gewöhnliche Mittwoch. Dagegen ist wenig einzuwenden. Nur stellt sich irgendwann die Frage: Warum fällt es uns eigentlich so viel leichter, fremde Rituale zu übernehmen, als die eigenen wieder hervorzuholen?
Es ist und bleibt ein merkwürdiger Kulturraum – dieses weite, dünn besiedelte Land. Es verspricht, zumindest optisch, Freiheit, riecht im Gesprächsatem des Gegenübers aber nicht selten nach Schnaps und bietet – abseits der üblichen Meckertiraden über „die da oben“ (da gehe ich ja noch mit) und den immer schlechter werdenden Zustand unseres „schönen Landes“ – erstaunlich wenig an sozialem Kitt. Wenn der Sportplatz nur noch in Schuss gehalten wird, damit der Gemeindemitarbeiter überhaupt noch etwas zu tun hat, bleibt vielleicht noch die Feuerwehr als konstruktiver und dauerhafter Verbinder zwischen den Menschen.
Echte Traditionen, die uns einander näherbringen und uns in unserer lokalen oder regionalen Identität stützen – oder auch einfach nur ein bisschen bauchpinseln –, gibt es dagegen wenige bis gar keine. Und wenn, dann kennen wir sie oft selbst nicht mehr. Traditionen, wie wir sie aus Bayern kennen, werden eher noch importiert. Als Rostocker geht man dann angesichts der gähnenden Leere lokal geprägter Anlässe ganz selbstverständlich auf ein Oktoberfest im Stadthafen. Ein Armutszeugnis.
Aber vielleicht ist das auch nur die logische Folge einer Region, die so viele soziale und historische Brüche durchlaufen hat. Einer Region, in der kirchlicher Pomp und Kitsch ebenso weitgehend fehlen wie die daraus resultierenden zusätzlichen Feiertage. Einer Region, die über Jahrhunderte von Armut, Abhängigkeit und starren Herrschaftsstrukturen geprägt war und deren ländliche Bevölkerung deshalb andere kulturelle Ausdrucksformen entwickelte als jene Regionen, deren Brauchtum heute so selbstverständlich als touristisches Markenzeichen vor sich hergetragen wird.
Und so suchen wir ständig nach neuen Ritualen, obwohl die alten noch irgendwo herumliegen: Man muss nur ein bisschen im mecklenburgischen Unterholz herumstochern. Wir haben in diesem Jahr das Halloween-Zeug weggelassen und stattdessen einmal in der Traditionskiste gewühlt. Und siehe da: Da ist ja noch was.
Nehmen wir die „Aust“: So nannte man hier einst die Ernte. Wenn das Korn im Trockenen war, gab es keinen pädagogisch wertvollen Familiennachmittag mit Kürbisschnitzen und Hafer-Latte, sondern die „Austköst“. Da wurde auf der Diele oder im Dorfkrug gefeiert – mit Bier, Hering und allem, was nach Monaten auf dem Acker nach verdienter Belohnung schmeckte.
Das besondere Augenmerk galt dabei der letzten Garbe, liebevoll „de Olle“ genannt. Statt diese Strohpuppe lautlos auf den Dachboden zu verfrachten, wurde sie dem Gutsherrn vor die Tür gewuchtet und musste von ihm gewissermaßen „ausgelöst“ werden. Mit Schnaps, Essen und Musik. Man könnte sagen: eine Frühform der Tarifverhandlung.
Und die Ernte war eben kein Freizeitvergnügen, sondern die nackte Frage nach dem Überleben. „Wenn de Aust kümmt, denn is de Hungertied vörbi.“ Das ist Erntedank ganz ohne Festdekoration. Auch das dazugehörige „Austbier“ war kein beliebiges Trinkgelage, sondern Teil eines festen Rituals. Diese alten Bräuche hatten eine handfeste Funktion: Sie brachten die Menschen zusammen, würdigten die geleistete Arbeit und verschoben für einen kurzen Moment sogar die sozialen Verhältnisse.
Wer malocht hatte, durfte feiern. Und wer oben saß, durfte gefälligst dafür sorgen, dass auch ordentlich aufgetischt wurde. Ein, wie ich finde, durchaus charmantes Gesellschaftsmodell. Genau da liegt vielleicht der Unterschied zwischen Tradition und Dekoration. Traditionen sind nicht wertvoll, weil sie alt sind, sondern weil sie etwas mit uns machen. Sie geben einem gemeinsamen Tun einen Anlass, einem Jahr einen Rhythmus und einer Gemeinschaft einen Grund, zusammenzukommen.
Und vielleicht ist genau das unser eigentliches Problem: Wir haben vielerorts nicht zu wenig Feste. Wir haben zu wenig Gründe, gemeinsam zu feiern. Also brauchen wir auf dem Land wirklich den nächsten Kulturimport aus dem bayerischen oder amerikanischen Party-Baukasten? Wohl kaum. Wir brauchen etwas, das hierher gehört.
Eine lange Tafel, Bier, Hering. Kinder, die irgendwann müde über den Hof stolpern, und Erwachsene, die nach Monaten des knappen „Moin“ tatsächlich einmal in ganze Sätze verfallen. Und irgendwo steht „de Olle“ herum und erinnert daran, dass man auch früher schon nicht recht wusste, wohin mit dem ganzen Stroh. Das wäre eine Tradition, die wir entstauben könnten, ohne sie neu erfinden zu müssen.
Vielleicht würden wir dann im Herbst auch endlich wieder wissen, was wir eigentlich feiern. Nicht die Angst vor dem Unbekannten, sondern die Erleichterung darüber, gemeinsam durchgekommen zu sein. Nicht den Grusel, sondern die Ernte. Nicht das Fürchten, sondern das Leben.
Paul Fleischer
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