Ein Blick auf einen Ansatz, der die Sehnsucht nach innerer Ruhe ernst nimmt – und warum der Weg dorthin selten über den Kopf führt.
Es gibt Formulierungen, die im ersten Moment größer klingen, als sie gemeint sind. „Im Hier und Jetzt zu leben" ist so eine. Sie weckt Erwartungen: dass da etwas Kompliziertes lauert, ein Zustand, der sich nur mit viel Disziplin und noch mehr Geduld erarbeiten lässt. Ein Ziel, das man irgendwann erreicht, wenn man nur lange genug übt.
Genau diese Vorstellung stellt ein Ansatz zur bewussten Körperarbeit infrage, der zunehmend Beachtung findet. Sein Anliegen ist dabei bescheidener und zugleich ehrlicher, als es der große Begriff vermuten lässt: kein weiteres Projekt der Selbstoptimierung zu liefern, sondern einen Ausweg aus einer Spirale aufzuzeigen, in der sich viele Menschen heute wiederfinden. Die Beobachtung, von der dieser Ansatz ausgeht, dürfte vielen bekannt vorkommen. Wer sich innerlich unruhig oder erschöpft fühlt, beginnt oft, an sich zu arbeiten – aus einer echten, nachvollziehbaren Sehnsucht nach Ruhe und Lebendigkeit heraus. Es wird gelesen, es werden Methoden ausprobiert, Erkenntnisse gesammelt. Und dann, irgendwann, kippt etwas. Aus dem ursprünglichen Wunsch nach Entlastung wird ein neuer Anspruch: Auch die Selbstfindung soll jetzt „richtig" gemacht werden. Wer meditiert, soll gut meditieren. Wer achtsam sein will, soll das konsequent hinbekommen. Die Suche nach sich selbst, so paradox das klingt, wird zu einer weiteren Aufgabe auf der To-do-Liste – und damit zu einer weiteren Quelle von Druck, Frust und Selbstzweifeln. Genau hier setzt der Gedanke an, dass viele Menschen längst gelesen, verstanden und sich ehrlich mit sich selbst beschäftigt haben. An Wissen mangelt es meist nicht. Was fehlt, ist die Erfahrung, sich wirklich bei sich zu fühlen. Ein Satz, der auf den ersten Blick simpel wirkt, bei näherem Hinsehen aber eine steile These enthält: Dass das eigentliche Problem selten ein Mangel an Verständnis ist. Sondern ein Mangel an unmittelbarer, körperlicher Erfahrung.
Statt mit psychologischen Modellen, Analyse-Tools oder spirituellen Überzeugungssystemen zu arbeiten, setzt der Ansatz auf etwas, das zunächst schlichter erscheint: sanfte Körperübungen, intuitive Bewegung und bewusst gestaltete Momente der Stille. Kein Wissen, das verarbeitet werden muss. Keine Technik, die perfektioniert werden will. Sondern ein Raum, in dem der eigene Körper wieder spürbar wird – ohne dass man ihn dafür bewerten, optimieren oder analysieren müsste. Diese Methode trägt den Namen „IntuiMotion". Sie besteht aus geführten Bewegungssequenzen, die im Stehen beginnen können, sich durch den Raum fortsetzen und teilweise am Boden weitergeführt werden. Musik begleitet diese Sequenzen häufig und trägt die Übenden durch verschiedene Phasen – von aktiver Bewegung bis hin zu ruhigeren, introspektiveren Momenten. Ergänzt wird die Praxis um Übungen in der Natur, in denen Stille nicht erklärt, sondern schlicht erfahrbar gemacht wird.
Ein Kreislauf statt einer Anleitung
Bemerkenswert an diesem Ansatz ist, wie wenig linear er gedacht ist. Körper, Bewegung und Stille werden nicht als drei getrennte Übungseinheiten verstanden, die man nacheinander abarbeitet, sondern als ineinandergreifende Elemente eines lebendigen Kreislaufs. Aus der Körperwahrnehmung kann Bewegung entstehen. Diese Bewegung kann in Stille münden. Und aus dieser Stille wiederum kann ein neuer Impuls aufsteigen – der erneut in Bewegung übergeht. Es ist ein Bild, das sich bewusst von der Vorstellung eines Ziels verabschiedet. Es gibt keinen Endpunkt, an dem man „angekommen" wäre, kein Zertifikat für erfolgreiche Achtsamkeit. Stattdessen ein Prozess, der sich immer wieder neu entfaltet – getragen von der Bereitschaft, dem eigenen Körper zuzuhören, statt ihn zu steuern.
In einer Zeit, in der Selbstoptimierung zum eigenen Lebensstil geworden ist – mit Apps, die Achtsamkeit tracken, und Ratgebern, die das nächste bessere Ich versprechen – klingt ein Ansatz, der bewusst auf Konzepte und Programme verzichtet, fast schon gegen den Strom gebürstet. Vielleicht liegt genau darin seine Anziehungskraft. Nicht noch eine Methode, die perfekt beherrscht werden muss. Sondern eine Einladung, den eigenen Körper als das zu nehmen, was er ist: ein Ort, an dem man sich – ganz ohne Umweg über den Kopf – tatsächlich begegnen kann. Ob aus dieser stillen, unspektakulären Praxis am Ende jene direkte Erfahrung des Hier und Jetzt erwächst, muss letztlich jede und jeder für sich selbst herausfinden. Der Weg dorthin, so viel wird deutlich, führt bei diesem Ansatz nicht über weiteres Wissen. Sondern über das, was sich manchmal am schwersten erlernen lässt: das einfache Gefühl, im eigenen Körper zu Hause zu sein.
Buchtipp:
Die Kunst, im Hier und Jetzt zu leben
Hiekyoung Blanz
Mit einer Kombination aus sanften Körperübungen, intuitiver Bewegung und Momenten der Stille bietet Hiekyoung Blanz‘ „IntuiMotion“ eine direkte Erfahrung des eigenen Körpers, die ohne psychologische Analyse, Selbstoptimierung oder spirituelle Glaubenssysteme auskommt. Mit ihrem neuen Buch „Die Kunst, im Hier und Jetzt zu leben“ lädt die Coachin zu einer spielerisch-intuitiven Selbsterfahrungsreise ein.
Hiekyoung Blanz, geboren in Seoul und aufgewachsen in Berlin, widmet sich als Coach und Autorin dem Weg zu in-
nerer Freiheit und Selbsterkenntnis. Nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau und dem Studium der Betriebswirt-
schaft folgte sie ihrer Leidenschaft für Tanz und Kreativität, absolvierte ein Studium in Zeitgenössischem Tanz in
Amsterdam und arbeitete über 20 Jahre lang als Improvisationstänzerin und Choreografin. Als zertifizierter Coach
für The Work of Byron Katie® und Entwicklerin von IntuiMotion® verbindet sie heute Körperarbeit, Gedankenklä-
rung und kreative Selbsterforschung zu einem ganzheitlichen Erfahrungsweg. Ihre internationale Lehr- und
Coachingtätigkeit macht sie zur Expertin für gelebte Präsenz und Selbstentwicklung.
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