Bewusst Leben
Selbstzweifel in der Elternschaft – Wenn sich Eltern ständig hinterfragen
Feb 26
Ein ganz gewöhnlicher Moment. Und trotzdem dieses Gefühl.
Es ist abends. Das Kind schläft. Niemand hat beim ins Bett bringen geweint. Der Tag ist vorbei. Objektiv betrachtet: alles gut. Subjektiv sitzt man auf dem Sofa und denkt nicht „Das war okay“, sondern eher: Da war ich zu ungeduldig. Das hätte ich liebevoller lösen müssen. Andere Eltern wirken irgendwie souveräner.
Manchmal braucht es keinen Konflikt, keinen Ausbruch, kein Drama. Ein einziger Gedanke reicht – und ein ganz normaler Tag fühlt sich plötzlich nicht mehr ausreichend an. Viele Eltern kennen dieses diffuse Gefühl, ohne genau sagen zu können, woher es kommt. Ein ständiger Druck, der einem im Nacken sitzt.
Elternschaft ohne Orientierung – zu viele Bilder, zu viele Wahrheiten
Elternsein war nie einfach. Aber heute ist es vor allem eines: unübersichtlich. Noch nie waren so viele Vorstellungen von „guter Elternschaft“ gleichzeitig präsent. Über soziale Medien, Ratgeber, Podcasts, Studien und Expert:innen erreichen Eltern täglich Botschaften darüber, wie sie sein, reagieren und begleiten sollten. Meist gut gemeint – und doch entsteht daraus kein klarer Weg, sondern ein widersprüchliches Nebeneinander.
Eltern sollen bindungsorientiert sein und konsequent. Präsent, aber nicht überfürsorglich. Ruhig, aber klar. Fördernd, aber nicht leistungsorientiert. Achtsam und gleichzeitig belastbar.
Diese Anforderungen stehen nicht einfach nebeneinander – sie schließen sich häufig gegenseitig aus. Und trotzdem gelten sie gleichzeitig. Oft ohne Berücksichtigung realer Lebensbedingungen: Müdigkeit, Zeitdruck, emotionale Belastung oder individuelle Grenzen. Das Problem ist nicht, dass Eltern zu wenig wissen. Das Problem ist, dass sie zu viel gleichzeitig wissen sollen.
Rollenbilder im Wandel – und niemand sagt, wie man sie zusammenlebt
Hinzu kommt ein tiefgreifender Wandel von Rollenbildern. Mütter sollen heute emotional präsent, feinfühlig und bindungsorientiert sein – und gleichzeitig selbstbestimmt, beruflich engagiert und innerlich stabil bleiben.
Väter sollen gleichberechtigt begleiten, Verantwortung übernehmen und Gefühle zeigen – und zugleich leistungsfähig, zuverlässig und ständig verfügbar sein.
Das Schwierige daran: Diese neuen Erwartungen treffen auf alte Rollenbilder, mit denen viele von uns selbst aufgewachsen sind. In unseren Familien war oft klar, wer wofür zuständig ist. Und genau diese Bilder bekommen wir bis heute vorgelebt – nicht selten durch unsere eigenen Eltern. Gut gemeinte Kommentare, kleine Vergleiche oder einfach das, was sie selbstverständlich tun, wirken weiter.
So existieren alte und neue Erwartungen gleichzeitig. Wir wollen es anders machen als unsere Eltern und merken trotzdem, wie stark uns diese Bilder geprägt haben. Es gibt kein klares Leitbild mehr, sondern viele widersprüchliche Vorstellungen davon, was „gute“ Eltern ausmacht.
Viele Eltern fühlen sich deshalb nicht in erster Linie gestresst durch Zeitmangel, sondern durch das ständige Gefühl, irgendwo nicht zu genügen. Nicht, weil sie sich zu wenig anstrengen – sondern weil sie sich permanent an Maßstäben messen sollen, die sich gegenseitig ausschließen.
Die eigentliche Überforderung liegt im Anspruch
Viele Eltern erleben ihre Belastung weniger in einzelnen Situationen als in einer inneren Daueranspannung. Sie sollen gleichzeitig präsent und autonom sein, empathisch und klar, leistungsfähig und gelassen. Wenn solche Erwartungen gleichzeitig gelten, entsteht fast zwangsläufig das Gefühl, zu scheitern.
Überforderung wird dann nicht als Grenze verstanden, sondern als persönliches Versagen. Dabei liegt das Problem nicht im eigenen Verhalten, sondern im Anspruch selbst. Wenn Anforderungen sich widersprechen, kann niemand sie gleichzeitig erfüllen – egal wie reflektiert oder engagiert.
Impulse für Eltern: Wege zu Selbstmitgefühl und Klarheit
1. Bei dem bleiben, was passiert ist.
Nicht: „Ich war zu streng/zu laut/nicht geduldig genug.“ Sondern: „Es war spät. Das Kind war müde. Ich auch.“ Das beschreibt die Lage – ohne Urteil.
2. Mit realistischen Voraussetzungen rechnen.
Geduld um 7 Uhr morgens ist etwas anderes als Geduld um 19:30 Uhr. Ein Tag mit Arbeit, Terminen und wenig Schlaf ist kein neutraler Ausgangspunkt. Vergleiche ohne diese Faktoren führen in die Irre.
3. Den Tag mit einem Endpunkt schließen.
Abends reicht ein Satz wie: Alle leben noch. Das Kind ist im Bett. Mehr Bilanz braucht ein Tag manchmal nicht.
Fazit
Selbstzweifel bei Eltern entstehen heute oft nicht aus mangelndem Engagement, sondern aus dem Versuch, widersprüchlichen Erwartungen gleichzeitig gerecht zu werden. Permanente Vergleiche, mediale Dauerpräsenz und diffuse Rollenbilder verstärken den Eindruck, ständig zu kurz zu kommen – egal, wie sehr man sich bemüht. Sich davon zu lösen heißt nicht, Verantwortung abzugeben oder gleichgültig zu werden. Es bedeutet vielmehr, den Anspruch loszulassen, dass immer alles richtig laufen muss. Es geht darum, präsenter zu sein im eigenen Alltag und sich selbst auch dort anzunehmen, wo Dinge unvollkommen bleiben. Kurzum: Eltern müssen nicht perfekt reagieren, nicht permanent an sich arbeiten und keinem Idealbild entsprechen. Kinder brauchen keine fehlerfreien Erwachsenen. Sie brauchen Menschen, die bleiben, die ansprechbar sind und Verantwortung übernehmen – auch dann, wenn etwas misslingt. Sie brauchen echte Erwachsene in Beziehung. Keine perfekten.
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