Bewusst Leben
Wenn die Familie mit am Tisch sitzt … und Paare sich verlieren
Jan 26
Weihnachten ist vorbei. Der Baum ist draußen, die Plätzchendose leer – und doch bleibt dieses diffuse Gefühl: Irgendwas war anstrengend. Von außen wirkt es fast harmlos. Bei ihrer Familie ist sie plötzlich wieder Daddy’s Liebling. Ein Blick, ein Kommentar, ein „Mein Mädchen ist die Beste“ – und sie steht auf einem kleinen Podest. Vertraut, hochgelobt, eingebettet in Vaterliebe. Ganz leise rutscht dabei die Meinung des Partners an den Rand. Er fühlt sich weniger wie ein gleichwertiger Begleiter und mehr wie ein Zuschauer.
Ein paar Tage später, ein anderes Wohnzimmer, ein ähnliches Bild. In seiner Familie ist er wieder der Goldjunge. Das Geschirr scheint sich wie von selbst wegzuräumen, das Frühstück steht bereit. Wäsche? Darum kümmert sich Mama. Niemand macht etwas falsch – sowohl sie als auch er handeln einfach so, wie sie es hier schon immer getan haben. Wie automatisch fallen sie zurück in ihre alten Rollen als Tochter und Sohn.
Die eigentliche Herausforderung liegt dabei nicht im Kontakt mit den Schwiegereltern – sondern zwischen den beiden. Denn irgendwo zwischen Daddy’s Liebling und umsorgtem Sohnemann verschwindet das Paar. Sie sind zusammen da, aber nicht wirklich miteinander. Die Energie fließt nicht in Nähe oder Gespräche, sondern in das Aufrechterhalten alter Familienstrukturen. Zurück bleiben innere Spannung, stilles Genervtsein und dieses schmerzhafte Gefühl: Gerade bin ich dir nicht wichtig. Und die leise, verunsichernde Frage: Wer bist du eigentlich?
Erst in der Rückschau wird erkennbar, dass das Paar nicht bewusst auf Distanz ging – sondern dass die Energie unbemerkt von dem alten Familiensystem überrannt wurde. Die entscheidende Frage lautet also nicht: Was machen die Schwiegereltern falsch? Sondern: Was passiert hier eigentlich zwischen uns? Was brauchen wir als Paar in solchen Situationen?
Was wirklich hinter Schwiegereltern-Konflikten steckt
Wenn Paare Zeit bei den Eltern verbringen, rutschen beide oft unbemerkt in alte Rollen zurück. Aus zwei erwachsenen Partnern werden wieder „die Tochter“, „der Sohn“, „die Angepasste“ oder „der, der keinen Stress machen will“. Diese Rollen waren früher sinnvoll – kollidieren heute jedoch mit der Paarbeziehung. Während der eine innerlich wieder im
Kinderzimmer steht, erwartet der andere einen gleichwertigen Partner an seiner Seite. Irritation entsteht: Warum reagierst du gerade so? Und seit wann entscheiden wir das nicht mehr gemeinsam?
Hinter solchen Konflikten stecken meist weniger einzelne Kommentare als grundlegende psychologische Bedürfnisse. Ein zentrales Thema ist Sicherheit. Wenn im Beisein der Familie der Partnerin oder des Partners das Gefühl entsteht, nicht geschützt oder gesehen zu sein, reagiert das Nervensystem sofort – mit Rückzug, Gereiztheit oder innerem Alarm. Ebenso wichtig ist Zugehörigkeit. Gerade an Weihnachten, wenn Familienrollen besonders präsent sind, taucht schnell die Frage auf, ob man wirklich einen festen Platz im Leben des Partners hat – oder eher am Rand mitsitzt und „mitgemeint“ ist.
Hinzu kommt das Thema Abgrenzung. Wenn die eigenen Beziehungsregeln von den Regeln der Ursprungsfamilie überlagert werden, verliert das Paar Orientierung und Schutz. Das gemeinsame „Wir“ wird immer ungreifbarer.
Besonders schmerzhaft wird es, wenn stilles Mitgehen mit der Meinung der Eltern oder Schweigen bei einem spitzen Kommentar der Schwiegermutter gegen die Partnerin die Botschaft sendet: Der Familienfrieden ist gerade wichtiger als du. Der Konflikt liegt also weniger im Verhalten der Eltern als im Gefühl, als Paar nicht mehr gemeinsam zu handeln. Der Wendepunkt entsteht nicht durch die Frage Wer hat Recht?, sondern durch: Was macht diese Situation mit mir? So wird aus Vorwurf ein Bedürfnis – und aus Distanz wieder Gespräch.
Impulse für Paare
1. Sprecht über das Bedürfnis, nicht über den Vorfall. Der konkrete Kommentar oder Moment ist selten das eigentliche Problem. Dahinter liegen Bedürfnisse nach Sicherheit, Loyalität oder Nähe.
2. Agiert als Team, auch wenn ihr euch mal nicht verbunden fühlt. Ein Blick, eine kleine Zärtlichkeit oder ein klares inneres „Wir gehören zusammen“ kann viel Halt geben, ohne große Worte.
3. Vorbereitung ist Beziehungspflege - Definiert euren gemeinsamen Schutzraum. Vor Familienbesuchen kurz innehalten: Was ist wem wichtig? Wo braucht jemand Unterstützung? Welche alten Stolperfallen kennen wir – und wie wollen wir ihnen begegnen?
Spürst du beim Lesen eine innere Resonanz oder einen Gedanken, der nachhallt? Dann könnte jetzt der passende Zeitpunkt sein, auf dieses Gefühl zu hören und den ersten Schritt in Richtung Paartherapie zu wagen – bei mir oder einem meiner wunderbaren Kolleg*innen. Entscheidend ist: Wenn sich etwas in dir meldet, schenke diesem Impuls Beachtung.
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