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Olaf Heine – Human Conditions
Apr 26
Mit mehr als 200 Werken auf über 1.000 Quadratmetern bietet die Ausstellung einen umfassenden Einblick in das über drei Jahrzehnte währende, facettenreiche künstlerische Schaffen des in Berlin lebenden Fotografen. So verwundert es nicht, dass zur Ausstellungseröffnung im März auch bekannte Künstler sowie prominente Gäste wie Jan Josef Liefers, Anna Loos, Marie Bäumer, Claus Kleber, Antje Traue, Thomas Kretschmann und Musiker von Rammstein anwesend waren.
Das fotografische Schaffen von Olaf Heine in den letzten 30 Jahren ist immens. Heine zählt zu den renommiertesten Fotografen seiner Generation in Deutschland.
International bekannt wurde er vor allem durch seine hintergründig konzipierten Porträts von Persönlichkeiten aus Kunst, Musik, Film und Sport. Zu den von ihm porträtierten Künstlerinnen und Künstlern zählen unter anderem Coldplay, U2, Nick Cave, Cate Blanchett, Billie Eilish, Jared Leto, Julian Schnabel, John Baldessari, Snoop Dogg, Anthony Kiedis und Iggy Pop. Ergänzt wird die Ausstellung mit Fotografien eindrucksvoller Architektur- und Landschaftsaufnahmen. In der Kunsthalle zeigt er eine retrospektive Werkschau seiner Arbeiten. Beginnend mit den ersten Schnappschüssen des damals noch unbekannten Kurt Cobain Anfang der 90er-Jahre, über Künstler wie Radiohead, Fury in the Slaughterhouse und Nick Cave bis hin zu aktuellen Arbeiten – etwa von Sting, der kürzlich in Amsterdam ein Konzert in einem Museum spielte und Olaf Heine freundschaftlich zu einem Foto einlud.
Doch nicht nur mit Sting pflegt Olaf Heine über die Fotografie hinaus Bekanntschaften in der ganzen Welt. Überraschend ist das nicht: Olaf Heine ist ein ausgesprochen sympathischer Mensch – jemand, den man sich als Kumpel an seiner Seite wünscht. Immer für einen da, möchte man meinen. Mit Empathie, Aufgeschlossenheit, Neugier und Respekt begegnet er anderen Menschen. Diese Eigenschaften spiegeln sich auch in seinen Fotografien wider. Seine Porträts sind ausdrucksstark – nicht nur durch den bewussten Verzicht auf Farbe. In seinen Fotografien untersucht er die oft verborgenen Prozesse, die kreatives Schaffen begleiten, und eröffnet Räume der Reflexion über Identität, Kreativität und menschliches Dasein.
Sie versuchen, im Motiv den Menschen zu zeigen, so wie Olaf Heine ihn sieht. Die Frage, was einen Menschen antreibt, ist zugleich die Frage, die sich Olaf Heine selbst stellt – und bildet die Grundlage jedes seiner Bilder.
Ob auf Hawaii, in Los Angeles oder in Berlin: Diese Neugier ist stets präsent und spiegelt sich in seinen Arbeiten wider.
0381-Magazin: Wie ist Ihre Ausstellung „Human Conditions“ entstanden – was war der Ausgangspunkt für dieses Projekt?
Olaf Heine: Zuerst gab es mein Buch „Human Conditions“. Nach der Veröffentlichung habe ich die Bilder vor zwei Jahren in Berlin in meiner Galerie „Camera Work“ gezeigt. Allerdings war die Ausstellung damals viel kleiner – und das hier in der Kunsthalle ist jetzt wirklich groß geworden. Es ist auch eine starke Rückbesinnung auf meine fotografische Vergangenheit. Tatsächlich ist der Gedanke zum Projekt „Human Conditions“ entstanden, nachdem ich mit der Fotoserie „Brazil“ fertig war. In den vier Jahren zwischen 2010 und 2014 habe ich mich mit Architektur, der Bauweise und der Formensprache des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer beschäftigt – mit dem Kurvenreichtum der Gesellschaft Brasiliens. Danach war eigentlich klar, dass ich mich wieder mehr mit dem kreativen Schaffensprozess beschäftigen wollte – aber offener, nicht nur Musiker oder Schauspieler porträtieren, sondern vor allem bildende Künstler. So habe ich in der zweiten Hälfte der 2010er-Jahre sehr viele bildende Künstler fotografiert. Irgendwann wurde mir klar, dass es um die Vielschichtigkeit des kreativen Potenzials und des Schaffensprozesses geht und um das, was dem zugrunde liegt: den Impuls der Inspiration. Das hat mich fasziniert und ich bin dem weiter nachgegangen. Meist beschäftige ich mich mehrere Jahre mit einem Thema, und irgendwann merke ich, dass es die Qualität und Tiefe hat, um daraus eine Ausstellung oder ein Buchprojekt zu entwickeln.
0381-Magazin: In der Ausstellung sind auch diverse Musikclips von A-ha, Die Ärzte oder Die Toten Hosen zu sehen, bei denen Sie Regie geführt haben. Wo sehen Sie den wesentlichen Unterschied zwischen Foto und Video?
Heine: Natürlich hat ein Film oder Video den Vorteil, dass man verschiedene Kameraeinstellungen hat, Bewegung einsetzen kann und mit Ton und Stimme arbeitet. Ich finde aber, die Herausforderung, eine ähnliche Tiefe in einem zweidimensionalen Bild zu schaffen, ist für mich die größere Leistung. Was löst ein Bild beim Betrachter aus? Schafft es, eine Emotion zu transportieren? Darum sammle ich auch Fotografien von Kollegen und habe einige sehr liebgewonnene Arbeiten, die mir ein besonderes Gefühl vermitteln. Ähnlich wie bei einem Buch, das man zum ersten Mal liest, oder einem Song, den man zum ersten Mal hört – und wenn man ihn 20 Jahre später wieder hört, erinnert man sich an dieses Gefühl. So geht es mir mit Fotografie.
0381-Magazin: Woran denken Sie bei der Entstehung eines Bildes?
Heine: Für mich reicht es, wenn ich das Bild verstehe. Mir geht es nicht um den finalen Weg, sondern um die Begegnung mit dem Menschen. Es geht um das Thema, mit dem ich mich beschäftige. Die Fotografie ist für mich eine Möglichkeit, zu Erkenntnissen zu kommen, Wissen zu erlangen und etwas zu erfahren, das mir fremd oder fern ist. Der Antrieb ist natürlich trotzdem: Es muss ein gutes Bild entstehen. Ob das Bild später ausstellungswürdig ist, ist für mich zweitrangig.
0381-Magazin: Sie hatten häufig Folgeaufträge von bekannten, großen Musikern, waren lange mit ihnen auf Tour und haben viel Zeit mit ihnen verbracht – sowas geht vermutlich nur, wenn man sich menschlich versteht. Bekommt ein sympathischer Fotograf auch die besseren Motive?
Heine: Sympathisch, weiß ich nicht – wahrscheinlich hilft es. Aber ich glaube, man muss ein offener Typ sein. Ich denke, man muss neugierig sein, und das ist etwas, das ich mir immer versuche zu bewahren: mit wachem Blick durch die Welt zu gehen und neugierig zu bleiben, sich für Menschen, Orte, Zustände und Themen zu interessieren.
0381-Magazin: Auf verschiedenen Bildern sieht man immer wieder einen Tisch – was hat es damit auf sich?
Heine: Es ist nicht immer derselbe, aber ich habe tatsächlich einen kleinen Tisch aus einem Berliner Requisitenhaus. Der sieht alt aus, und ich benutze ihn relativ häufig. Der Tisch ist für mich eine Metapher für Kommunikation. Es ist die einfachste Form: Man setzt sich zusammen, verhandelt Dinge, spricht darüber – wie es uns geht, wie es der Welt geht und wie wir damit umgehen. Human Condition eben.
0381-Magazin: Wie hat sich Ihr Blick auf Menschen und ihre Geschichten im Laufe Ihrer Karriere verändert?
Heine: Ein schlauer Mann sagte einmal: „When you’re young, you run on intuition – when you’re old, you run on experience.“ Natürlich ist der Blick heute ein anderer als vor 30 Jahren, wenn man viele Dinge schon gesehen hat und einige Menschen seit 20 oder 25 Jahren kennt. Wenn ich heute Musiker wie Sting oder den Schauspieler Thomas Kretschmann treffe, haben wir eine gemeinsame Geschichte, die teilweise Jahrzehnte zurückreicht. Ich muss nicht mehr um Vertrauen kämpfen wie am Anfang meiner Karriere – und das ermöglicht mir eine viel tiefere kreative Herangehensweise.
0381-Magazin: „Handelt es sich bei den gezeigten Fotografien um Auftragsarbeiten oder sind auch frei entstandene Arbeiten darunter?“
Heine: Etwa fifty-fifty. Ich würde sagen, die Hawaii-Fotos sind vermutlich keine Auftragsarbeiten. Andererseits muss ich natürlich auch meine Miete bezahlen und schauen, wovon ich lebe. Ich hatte nie das Ziel, Berufsfotograf zu werden. Ich habe einfach Musik geliebt, Freunde von mir waren Musiker, und irgendwann hat eine Band gefragt: „Kannst du nicht mal ein Foto machen?“ – und deshalb sitzen wir jetzt hier. Dass man damit Geld verdienen kann, war ein schöner Nebeneffekt. Die vielen Auftragsarbeiten waren aber auch Antrieb und Motor. Ich gehe immer mit dem Gedanken an einen Auftrag heran, ein Bild zu machen, das so viel Tiefe und Qualität hat, dass man es auch in einer Ausstellung zeigen könnte – unabhängig vom Briefing. Ich arbeite heute freier und mache weniger Aufträge. Um noch mal auf Sting zurückzukommen: Wenn ich ihn für ein Plattencover fotografiere, gibt es oft gar keine konkrete Vorgabe mehr. Es geht dann darum, was ich machen möchte – und er vertraut mir.
0381-Magazin: Haben Sie ein Lieblingsbild in der Ausstellung – vielleicht aus der Serie von Kurt Cobain?
Heine: Das ist, als würden Sie mich fragen, welches meiner drei Kinder mein Lieblingskind ist. Jedes ist auf seine Art einzigartig ! Die Bilder von Kurt Cobain sind zum Beispiel Schnappschüsse, die ich als Musikfan gemacht habe. Ich war Anfang der 90er etwa 20 Jahre alt, hatte lange Haare und habe diese Musik gehört. Ich wusste, wo die Band spielt, und bin mit Freunden hingefahren. Meine Kamera habe ich – weil ich keine Akkreditierung hatte – in Tetrapacks eingeschweißt mit aufs Konzert genommen. Fotografisch sind das nicht die besten Live-Bilder, aber sie haben einen unglaublichen emotionalen Wert. Lieblingsbilder habe ich keine, aber natürlich gibt es Bilder, die einem besonders nahe sind – weil man viel Energie hineingesteckt hat oder viele Widerstände überwinden musste. Und es gibt auch Bilder, die ich nicht zeige. Manchmal funktioniert es zwischen zwei kreativen Menschen einfach nicht – und manchmal eben besonders gut.
0381-Magazin: Gibt es noch Personen die Sie gerne fotografieren möchten?
Heine: Nein, ich habe keine Liste. Bei manchen Kollegen habe ich das Gefühl, es ist wie eine Briefmarkensammlung – da fehlt noch das eine wichtige Stück. Wie eine Plattensammlung und da fehlt jetzt die eine wichtige vintage Original Version noch. Für mich ist eine Ausstellung eher eine Rückschau. Gedanklich bin ich schon wieder woanders und arbeite an einem neuen Projekt, welches hoffentlich Ende des Jahres erscheint. Ich laufe durch die Welt, versuche neugierig zu bleiben, und lasse mich von Themen finden. Manchmal bin ich fassungslos, manchmal euphorisch, manchmal begeistert mich etwas – und manchmal schreckt es mich ab. Wenn ich merke, dass ich mich kreativ mit etwas auseinandersetzen möchte, gehe ich tiefer rein. Meist laufen drei oder vier Themen parallel, und manche bleibt auch mal ein paar Jahre liegen.
0381-Magazin: Warum ist Rostock ein passender Ort für Ihre Ausstellung – und welche Verbindung haben Sie zur Region?
Heine: Auf der Hochzeit des Malers Norbert Bisky, den ich schon lange kenne, saß ich abends beim Essen neben Dr. Uwe Neumann, dem Direktor der Kunsthalle. Wir kamen ins Gespräch, und er fragte mich, ob ich mir eine Ausstellung in Rostock vorstellen könnte. Wir haben anschließend verschiedene Ideen entwickelt und 2024 zunächst die kleinere Ausstellung zum „Rwandan Daughters“ hier gezeigt – das war im Prinzip der Anfang. Eine persönliche Verbindung habe ich zum Gespensterwald in Nienhagen – den mag ich sehr zum Fotografieren. Und natürlich das Meer: Deshalb verbrachte ich häufig Zeit auf dem Darß. Ich mag den Strand, morgens am Meer zu laufen, diese Weite und Unendlichkeit. Ich bin einfach gerne in der Natur – und ich mag die Kunsthalle hier sehr.
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