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Helgen @ Stadtpalast Rostock

am 12.10.2017 (DONNERSTAG) um 20:00 Uhr


20:00
Helgen
1 Kommentare zu Helgen 1
 
Mit ihm Gepäck haben sie ihr Anfang August erschienenes Debüt-Album "Halb oder gar nicht", welches, wenn man dem Musikexpress Glauben schenken mag, beweist "dass es deutschsprachigen Indiepop noch immer in charmant und sexy gibt." Auch andere Pressestimmen sind begeistert vom Erstwerk von Helgen.
 
Album-Info:
Umwege erhöhen die Ortskenntnis. Sie mögen die Reise entschleunigen, sie mögen in temporären Momenten des Verloren-Seins münden, führen aber letzten Endes auch zu einem Mehr an Erfahrungen. Vor allem führen Umwege dazu, dass man am Wegesrand andere trifft, manchmal nimmt man die dann mit auf seine Reise. Ein bisschen so kann man sich die Anfänge von Helgen vorstellen. Helge, Niklas und Timon, drei Jungs, die aus Orten kommen, die hoch im Norden der Republik liegen und Namen wie Norderstedt, Krummendeich und Langenhorn tragen, lernen sich in Hannover kennen. Hier haben sie sich alle für einen Popmusik-Studiengang eingeschrieben. Rasch freunden sie sich an, ebenso rasch beginnen sie, gemeinsam zu musizieren. Manchmal zuhause, manchmal unterwegs. Einige Male mieten sie sich in einer Ferienhütte in Südschweden ein. Schreiben, jammen, trinken, lachen, rauchen Pfeife. Sie bemerken: Da entsteht etwas, das Potenzial hat. Ihre Gedanken, ihre Musik, all das greift ineinander, beinahe so, als hätte es sich über die letzten Jahre gesucht und nun gefunden.
 
Und dieses Gemeinsame ist nach einer Weile wichtiger als das Akademische, das eh nicht so richtig passen mag zu der Art, wie die Freunde Musik begreifen. Nämlich einerseits intuitiv, mit einem Ohr für den guten Ton, für den guten Tune. Andererseits aber besitzt diese Intuition tiefe Verwurzelungen in den eigenen Biografien. Da ist Helge, der Sänger und Gitarrist. Gut kann er sich daran erinnern, wie er als Jugendlicher im Posaunenchor das Tenorhorn bediente, was aber nur der Anfang war. Über die Jahre lernte Helge jedes Instrument, das ihm in die Hände kam. Da ist Timon, der Drummer. In der Schule spielte er schon als Elfjähriger in den Bands der Großen mit. Und da ist Niklas. Heute Bassist, früher gerne mit der Chitarrone unterwegs, einer in Vergessenheit geratenen Lautenart.
 
2014 gehen die Drei also zurück nach Hamburg und nehmen die Dinge selbst in die Hand. Aus dem losen Verbund wird die Band. Es folgt eine erste EP, vor allem aber viele Konzerte, an die 100 sind es bis heute. Vielleicht ist das eine Binsenweisheit, aber selten war sie wahrer als bei Helgen: Intensive Live-Erfahrung formt eine Band. Sie stattet sie mit der Eigenständigkeit aus, die sie braucht, um zu bestehen, weil eben all die Einflüsse, die die einzelnen Mitglieder mitbringen, ein eigenes Gleichgewicht entwickeln, das im Idealfall mehr ist als die Summe der einzelnen Teile. Denn zwar erzählt Helge gerne von seiner Vorliebe für Siebziger-Rock der Cream- oder späten Beatles-Schule, zwar berichtet er davon, dass seine Bandmitglieder durchaus auch eine Reggae- und Heavy-Metal-Vergangenheit haben. Aber mit der Musik, die Helgen heute spielen, hat das nicht viel zu tun.
 
Denn die ist Popmusik im allerbesten Sinne. Eklektisch, smart, eingängig. Sehr zeitgemäß, aber nie an irgendwelchen Trends interessiert. Manchmal gen Funk schielend, manchmal eher akustisch. Man muss an Paul McCartneys Soloplatten aus den 70er-Jahren denken, an Paul Simons „Graceland", aber auch an den Indiepop der Frühnuller-Jahre. Dabei wird eines rasch deutlich, eigentlich schon in den ersten fünf Minuten dieser Platte: Helgen lassen all diese Vergleiche immer wieder genussvoll ins Leere laufen, gestalten ihre Songs so, dass sie eine für eine so junge Band ungewöhnliche Eigenständigkeit besitzen. Das liegt einerseits an der Musik: Gemeinsam mit dem Produzenten Olaf Opal (The Notwist, Sportfreunde Stiller, Die Sterne) schoben sie ihren Klang noch mal ein gutes Stück nach vorne. „Wir haben von Olaf eine Menge gelernt. Zum Beispiel, die Dinge wirklich an den Eiern zu packen. Krass zu sein. Eine Idee durchzuziehen", sagt Helge.
 
Ideen. Davon findet man bei Helgen eine Menge. Sie sind nicht immer groß, manchmal kleine Fußnoten. Aber sie sorgen dafür, dass man stets Neues entdeckt. Die Handclaps in „Das Rätsel", die ein wenig an ein Pferd erinnern, das sich umständlich in seiner Box umdreht. Die fast dubbigen Klangstrukturen, aus denen sich das hervorragend um sich selbst kreisende „Schlecht" erhebt. Das kleine Zwischenspiel „Gator", das an einen Plattenspieler erinnert, der panisch seine letzten Runden dreht: In Helgen-Songs ist viel los. Trotzdem klingen sie immer aufgeräumt. Helgen, das sagen sie selbst, sind Nerds. Aber eben welche der guten Sorte, die nicht Ruhe geben, bevor ein Song perfekt ist.
 
An dieser Perfektion hat Sänger Helge großen Anteil. Er ist ein gewiefter Texter. Einer, der es schafft, aus einem kleinen Moment eine große Geschichte zu stricken und genau weiß, wie man auch unangenehme Wahrheiten so verpackt, dass sie nicht böse oder gar verletztend wirken. Manchmal wird er recht konkret, ein Song wie „Hamburg, Amsterdam" dürfte mit Zeilen wie „Ich red mir alles schön, geb' vor, es einzusehen, ich komm schon damit klar, aber das stimmt nicht" Zehntausenden derer aus der Seele sprechen, deren Liebe an der Distanz kaputtgeht oder zumindest kaputtzugehen droht. An anderer Stelle biegt er mit seinem Wortwitz altbekannte Bilder und Klischees so lange zurecht, bis daraus passgenaue und durchaus bissige Helgen-Lyrik wird. „Zahnräder mit stumpfen Zähnen, weil sie in jedes Uhrwerk passen wollen", heißt es zum Beispiel in „Lass uns Feinde sein", das man als Parabel auf die Bussi-Gesellschaft der Musikindustrie, aber durchaus auch als Begleitliteratur zur heutigen, Facebook-geprägten Definition von Freundschaft lesen kann.
 
Und in „Paul und Peter" findet sich eben mal die beste deutsche Popmusik-Zeile der letzten fünf Jahre: Während das Klavier aus der Distanz hämmert, die Gitarre im Twang verhallt und das Schlagzeug nervös zuckt, singt Helge nicht ohne Wut im Bauch übers Musikmachen, beziehungsweise dessen Rezeption: „Das mit der Musik, das führt doch zu nichts. Hunger-, Hunger-, Hungertuch, das wär nichts für dich. Das ist für Leute mit Tattoo, Leute mit Narben, Scheidungskinder, die später Scheidungskinder haben."
 
Man könnte ewig so weitermachen. Einzelne Songzeilen extrahieren. Sich davon begeistert zeigen, weil Texte im deutschen Pop zuletzt meistens nicht zu Begeisterungsstürmen führten. Weil generell Pop hierzulande zuletzt so mut- und bocklos klang.  „Schlechte Ideen, wir probieren sie aus. Egal, welches Fenster, wir lehnen uns raus", singt Helge im Titeltrack. Man möchte all das am liebsten sofort in meterhohen Großbuchstaben an die nächste Häuserwand schreiben. Es ist ein ausgesprochener Glücksfall, dass es die Band Helgen gibt.

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lsr vor 1 Monat und 11 Tagen

tl dr

Kommentar-g