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Familie

Wie mäkelige Kinder zu besseren Essern werden!

Wie mäkelige Kinder zu besseren Essern werden!

Feb 18

Stress am Esstisch lösen

Aus eigener Erfahrung kann ich nur unterstreichen, wie schlimm es für Eltern ist, wenn die Kinder „nichts essen“ – ich setze das mal in Anführungszeichen, denn dies ist eine subjektive Wahrnehmung. Meistens erhalte ich in der Beratung auf Nachfrage dann doch noch eine Liste von Dingen, die das Kind doch isst und das ist häufig aus jeder Lebensmittelgruppe mindestens eine Zutat. Der Frust und die Sorge um die Kinder sind riesengroß. Wie gesagt – dieses Thema ist mir sehr wohl auch selbst bekannt. Und allen veganen Eltern kann gesagt sein: Den Mischköstlern geht es genauso. Ich erinnere nur an die Geschichten vom Suppenkasper aus dem Reich der Schwarzen Pädagogik. Doch woher kommt das eigentlich? In diesem Beitrag möchte ich dir einen kleinen, informativen Abriss geben, damit du in Zukunft an diesem Punkt entspannter sein und das Essensangebot und die Essumgebung für dein Kind optimieren kannst.

Funktionsbereiche einer Mahlzeit:

Während einer Mahlzeit geht es um viel mehr als nur um die Befriedigung von physiologischen – sprich Hunger/Durst – Bedürfnissen. Wenn wir uns als Familie am Esstisch versammeln, vermitteln wir auch unsere Esskultur, die Herkunft, Zubereitung und den Wert von Nahrungsmitteln. Außerdem stiften wir Gemeinschaft und die Kinder lernen Normen und Regeln. Damit will ich nicht sagen, dass wir ein fettes Regelwerk am Tisch brauchen, dass uns buchstäblich erschlägt. Ein paar sinnvolle Regeln sollten wir jedoch aufstellen (Beispielsweise mindestens solange am Tisch sitzen zu bleiben, bis wir satt sind und nicht mit Essen im Mund herumzulaufen. Die Gefahr des Verschluckens ist viel zu groß). Zu guter Letzt befriedigt eine gemeinsame Mahlzeit auch psychische Bedürfnisse. Darunter fällt z.B. das Wachstums-Bedürfnis und die Wertschätzung der Eltern, indem auf die Bedürfnisse des Kindes eingegangen wird. Die Kinder fühlen sich sicher, geliebt und zugehörig. Wie Katharina Saalfrank immer sagt: „Kinder sind Teamplayer“. Eine gemeinsame Mahlzeit, bei der jeder seine Bedürfnisse offen ausleben kann, wenn akzeptiert wird, dass ein Lebensmittel abgelehnt wird, zeigt den Kindern, dass sie voll integriert und willkommen sind. Diese Punkte zeigen schon, dass unsere Aufmerksamkeit nicht nur auf dem gerade verschwundenen Essen im Mund des Kindes liegen sollte, sondern vielmehr auf einem richtigen Umgang mit allen Aspekten einer Mahlzeit. Die weiteren Punkte zeigen noch ein wenig deutlicher, was das bedeutet.

Wie entwickelt sich eigentlich der Geschmack?

Um Spaß am Essen zu haben, müssen wir schmecken lernen. Unser Geschmackssinn bewahrt uns natürlich auch vor giftigen oder ungenießbaren Speisen (dazu später mehr). Bereits in der 8. Schwangerschaftswoche bilden sich erste Geschmackszellen, in der 15. SSW erste Geschmacksknospen (Viele Geschmackszellen bilden die Geschmacksknospen). Bei der Geburt hat ein Baby etwa 10.000 davon. Erwachsene haben nur noch etwa 5.000 – was schon klar verdeutlicht, warum Kinder ein wenig „empfindlicher“ auf intensive Geschmäcker sind, bzw. warum sie sie intensiver wahrnehmen. Etwa jedes 10. Kind kommt als sogenannter „Supertaster“ mit stattlichen 14.000 Geschmacksknospen auf die Welt. Dies sind typischerweise die mäkeligen Esser, die immer das gleiche Essen bevorzugen. Auch hierzu später noch ein wenig mehr. Zwischen der 8. und 12. SSW können die Babies durch das Fruchtwasser bereits süß, sauer und bitter schmecken. Mit 4-6 Monaten salzig und ab etwa 8 Monaten umami. Umami ist der 5. Geschmackssinn, der für fettiges und fleischiges steht. Eigentlich geht es hierbei um die Glutaminsäure, die in vielen natürlichen Lebensmitteln enthalten ist. Fruchtwasser und die Muttermilch spiegeln die Mahlzeit der Mutter wieder, was bedeutet, dass je ausgewogener und vielseitiger sich die Mutter ernährt, desto differenzierter entwickelt sich der Geschmackssinn des Kindes. Du siehst also, wieviel Einfluss deine Ernährung bereits von Anfang an darauf hat, wie gut die Familienkost später akzeptiert wird. Je länger ein Kind gestillt wird, desto mutiger greift es übrigens später auch zu neuen Lebensmitteln… Mit etwa 3 Jahren ist die Entwicklung der Geschmacksknospen abgeschlossen, doch der Geschmackssinn wird ein Leben lang geprägt.

Was sind die Wünsche der Kinder im Gegensatz zu den Erwartungen der Eltern?

Eltern erwarten, dass ihre Kinder gesund und fit bleiben, sowie offen und neugierig sind. Sie möchten, dass die Kinder Spaß am gemeinsamen Einkaufen, Zubereiten und Essen haben und gesundes Essen normal finden. Außerdem sollen die Kinder respektvoll mit dem Essen umgehen. Die Kinder möchten sich auf ihr Gefühl verlassen und Verantwortung für Appetit, Hunger und Sattheit übernehmen. Sie wünschen sich Essen, das gut aussieht, gut riecht, schmeckt und sich gut anfühlt. Sie möchten außerdem Unbekanntes mit Vertrautem probieren und Übersichtlichkeit auf dem Teller. Sie möchten Spaß am Essen haben und sich währenddessen wohl fühlen. Im Grunde genommen spricht nichts dagegen, dass die Wünsche beider Seiten gleichermaßen erfüllt werden können – nämlich dann, wenn Eltern über die Hintergründe informiert sind und darauf vertrauen, dass durch die richtige Esserziehung unter Beachtung der kindlichen Bedürfnisse, ihre Erwartungen auch erfüllt werden. Offenheit und Neugier liegen in der kindlichen Natur – lediglich die Erwartung der Eltern weicht manchmal in der Definition etwas davon ab. Biologische Schutzprogramme verhindern nämlich diese Offenheit ein wenig. Meiner Erfahrung nach, legen wir Eltern viel zu viel Gewicht auf das tatsächlich Gegessene und übersehen dabei gerne die mutigen, kleinen Schrittchen auf ein neues Lebensmittel zu. Letztendlich verhindern wir durch unsere eigene Verbissenheit (entstanden durch den Stress vieler negativer Erfahrungen aus unserer Sicht, weil „das Kind mal wieder nichts gegessen hat“) einen entspannten Umgang des Kindes mit neuen Nahrungsmitteln.

Warum werden die Kinder mit durchschnittlich 18 Monaten plötzlich wählerisch?

Ich werfe mal einen kleinen evolutionären Blick in unsere Vergangenheit: Üblicherweise waren die Kinder irgendwann in einer Gruppe mit anderen Kindern unterwegs, um die Welt zu entdecken. Meistens geschah dies in einem Alter von grob 18 Monaten, also wenn die Kleinkinder schon so sicher auf ihren eigenen Beinen unterwegs waren, dass sie mit den Größeren mithalten konnten. Dieses Entdecken der eigenen Welt war überlebenswichtig, denn häufig kam der nächste Nachwuchs der Mutter, wenn die Kinder etwa 3 Jahre alt waren. Bis dahin mussten sie also unbedingt lernen, wie man sich auf sich selbst verlässt um zu überleben.

1. Bindung und Autonomie   

Ab diesem Alter wird der gesunde Wunsch nach Autonomie größer. Während hingegen bis dahin die Bindung als Schutzprogramm sehr im Vordergrund stand. Wir Menschen sind schon eine seltsame Spezies. Unsere Intelligenz und der aufrechte Gang forderten eine „zu frühe und unreife Geburt“: Der Kopf viel zu groß und das Becken nicht weit genug. Statisch gesehen, wäre ein breiteres Becken nicht möglich. Der Kompromiss: das Baby kommt sehr unreif zur Welt. Daher ist die Bindung bei uns Menschen in den ersten Lebensjahren sehr viel wichtiger als bei anderen Säugetieren. So wird unser Überleben gesichert. Gleichzeitig müssen die Kinder auch unabhängig werden. Der Seiltanz zwischen Bindung und Autonomie beginnt. Übrigens liegen hier die meisten psychischen Ursachen für unsere Probleme im Alltag begraben – in der frühen Kindheit durch einen unerfüllten Bindungswunsch oder unterdrückte Autonomie. Dieses Ungleichgewicht und die Folgen begleiten uns für den Rest unseres Lebens – es sei denn wir werden uns darüber klar und arbeiten daran. Aber das ist ein anderes (sehr spannendes) Thema. Soweit zum kleinen Exkurs zum Thema Bindung und Autonomie und zurück zur Autonomieentwicklung: Sobald die Kinder laufen können und sich selbstständig etwas weiter von der Mutter entfernen, greifen die biologischen Schutzprogramme. Die Kinder entwickeln eine gesunde Angst vor unbekannten Dingen. Von der Natur sehr schlau eingerichtet, denn sonst würden sie höchstwahrscheinlich die nächstbeste Tollkirsche in den Mund stecken.

2. Biologische Schutzprogramme:

Bis diese Sicherheitsprogramme beginnen, ist das Vertrauen in die Mutter riesengroß. „Was Mama mir gibt, ist sicherlich genießbar“… Und plötzlich macht es „klick“: „Hmmmmm – wer weiß, ob das nicht giftig ist, was Mama mir da auf den Teller legt.“ Jetzt weißt du auch, warum dein Kind so gerne von deinem Teller isst. Das Essen von dir ist höchstwahrscheinlich sicher. Diese Aspekte führen dazu, dass ein Kind sein Essen plötzlich nicht mehr mag. 

Ein anderes Beispiel ist die Banane (oder jedes andere beliebte Essen des Kindes), dass von einem Tag auf den anderen abgelehnt wird. Mütter und Väter sind erstaunt, denn meine Güte – das ist doch nun wirklich kein unbekanntes Nahrungsmittel gewesen. Der Grund hierbei liegt in einer spezifisch sensorischen Sättigung. Das Kind weiß instinktiv, dass es nun zu einem anderen Lebensmittel greifen muss, da es genug „davon“ hatte. Es braucht nun andere Nährstoffe. Vielleicht fällt dir auch ein Lebensmittel ein, dass du so viel konsumiert hast, dass du es nicht mehr sehen konntest. Neeeein – ich meine damit nicht den Jägermeister von der letzten Party. Das ist ein anderes Schutzprogramm. Kinder wissen außerdem ganz automatisch, dass sie konzentrierte Energie brauchen. Ihr Magen ist noch sehr sehr klein und muss daher mit energiereichem Essen gefüllt werden. Das hat oberste Priorität. Es erklärt auch, warum Kinder gegartes Gemüse gerne ablehnen. Es ist sehr kalorienarm, sieht nicht mehr so interessant aus (nicht mehr so bunt) und die Konsistenz ist auch nicht mehr so spannend. Darum gilt hier: Gemüse immer mit Energieträgern verbinden – Soßen mit dem Garwasser und beispielsweise einem Nussmus plus Hefeflocken. Rohkost mögen Kinder hingegen meistens sehr. Sie ist schön bunt, voller Flüssigkeit, fühlt sich in der Hand und im Mund gut an und knackt schön beim reinbeissen. Kinder lieben Süßes, weil ein süßer Geschmack in der Regel für ungiftige, genießbare und kalorienreiche Nahrung steht. Saures und Bitteres hingegen ist häufig ungenießbar, giftig oder nicht reich an Energie. Salziges hingegen wird wieder sehr gerne gegessen, weil es Flüssigkeit im Körper bindet. An dieser kleinen Erklärung siehst du, warum sich die Geschmacksknospen so früh bilden und welch wichtige Rolle sie für unser Überleben spielen. Kinder nehmen noch sehr viel intensiver wahr, was sie da essen, denn sie müssen ja auch noch lernen, was gut und was schlecht ist.

Wenn du nun an die Supertaster denkst, dann verstehst du gleich, warum diese häufig mäkelige Esser sind, die immer nach den gleichen Dingen verlangen. Ich gehe davon aus, dass es auch die insgesamt hochsensiblen, teilweise auch die hochsensitiven Kinder, betrifft. Solltest du bei deinem Kind also feststellen, dass es ein mäkeliger Esser ist, dann lohnt es sich insgesamt mehr drauf zu achten, ob du nicht vielleicht auch ein hochsensibles Kind hast. (Hochsensibilität: Empfinden der Sinne ist gesteigert, Hochsensitivität: Empfinden der Gefühle – auch von anderen Personen (Empathie) gesteigert. Kommt gepaart oder auch einzeln vor). Nicht jedes Kind, dass den Anschein macht, mäkelig zu sein, ist es auch tatsächlich. Häufig ist es eben nur die normale Entwicklung des Kindes, zu lernen, sich auf sich selbst zu verlassen. Und wie du siehst, ist dies eine überlebenswichtige Eigenschaft. Übrigens: Es gibt auch Hobbyesser. Diese Kinder haben einfach mehr gute Erfahrungen mit Essen gemacht und haben daher weniger Angst, greifen mutiger zu.

 

...... Anfang März geht es weiter! Es erwarten dich 10 wirklich hilfreiche Tipps wie du deinem Kind helfen kannst, Gefallen an neuen Lebensmitteln zu finden! Außerdem der Zusammenhang von Bindung und Essen! 


Carmen Hercegfi von www.vegane-familien.de - Bild:

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